Podiumsdiskussion der Grünen im Kreistag zum Thema „Fracking – mitten unter uns“

Das antiquierte Bergrecht reformieren

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Ein Tisch, eine Meinung. Sie sind gegen Fracking: (v.l.) der Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel May, der Erste Kreisbeigeordnete und Grünen-Politiker Jens Deutschendorf, Martin Weyand, Geschäftsführer des Bereichs Wasser und Abwasser beim Bundesverband de

Korbach - Es fehlte der Kontrahent mit der anderen Meinung. So waren sich alle Teilnehmer schon vor Beginn der Podiumsdiskussion in der Jugendherberge zum Thema „Fracking – mitten unter uns“ einig: Keine Erdgasförderung nach der Fracking-Methode in Nordhessen – und am besten nirgendwo.

Auf dem Podium: die Kasseler Grünen-Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch, Martin Weyand, Geschäftsführer des Bereichs Wasser und Abwasser beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Erster Kreisbeigeordneter und Grünen-Politiker Jens Deutschendorf als Leiter des Gesundheitsamtes und der Naturschutzbehörde und der Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel May, der die Diskussion moderierte. Diesem Quartett saßen rund 50 Zuhörer gegenüber.

Den Andersdenkenden hatte ?der Veranstalter, die Kreistagsfraktion der Grünen, auch eingeladen, aber der Vertreter von BNK Deutschland, Tochter des kanadischen Erdölkonzerns BNK, hatte kurzfristig abgesagt. Einen genauen Grund für die Absage habe der Firmensprecher nicht genannt, betonte Boris Mijatovic, Mitarbeiter von Nicole Maisch. Er vermute aber, dass die Absage mit der jüngsten Einladung der hessischen Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) für zwei Informationsveranstaltungen in Kassel (12. Juni, Regierungspräsidium, Steinweg 6, ab 18 Uhr) und Frankenberg (14. Juni, Ederberglandhalle, ab 17 Uhr) zum Thema „Fracking“ in Nordhessen zusammenhänge. Die Firma BNK wolle vermutlich nur dort ihre Pläne vorstellen, sagte Mijatovic.

Viele Risiken

Fracking nennt sich ein Verfahren zur Förderung von Erdgas. Dafür werden zunächst Löcher bis zu 5000 Meter tief in die Erde gebohrt. Anschließend werden Wasser, Sand und ein Chemikalien-Cocktail unter ?hohem Druck in diese Löcher gepresst, um Gestein aufzubrechen und das darin gebundene Erdgas aufzufangen. Wie sicher ist dieses Verfah-?ren? Kann es das Grund- und Trinkwasser und den Boden ?einer Region für lange Zeit vergiften oder gar Erdbeben auslösen? Alles sicher, beteuern die Betreiber und auch einige politische Kreise. Sicher ist bei Fracking derzeit nur, dass wie bei der Atomkraft viele Risiken nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden können. Die Gesellschaft muss sich fragen, wie viel Risiko will sie eingehen für die Energieversorgung?

Druck aufbauen

BNK Deutschland hat im Februar beim Regierungspräsidium in Darmstadt einen Antrag für die Suche nach Erdgasvorkommen in Nordhessen auf einer Fläche von 5212 Quadratkilometern gestellt. Das Feld wird im Norden und Westen durch die Landesgrenzen zu NRW und Niedersachsen ?abgegrenzt, im Osten durch die Achse Bad Hersfeld/Helsa und im Süden durch die Achse Biedenkopf/Bad Hersfeld. Die hessische Landesregierung hat dem Konzern die Suche vorerst untersagt, weil mögliche Gefahren durch Fracking noch zu wenig untersucht sind.

Politische Entscheidungen seien in diesem Fall möglicherweise juristisch nichts wert, warnte Maisch. „Bei Fracking gelte noch das antiquierte Bergrecht aus der Kaiserzeit, und man sagt nicht zu Unrecht: ‚Bergrecht bricht Grundgesetz‘, denn fast alle Umweltschutz- und Wasserschutzgesetze sind dadurch außer Kraft gesetzt.“ Die Bundestagsabgeordnete wies darauf hin, dass bei dieser gesetzlichen Lage eine Firma möglicherweise vor Gericht die Fracking-Erlaubnis erstreiten könnte, obwohl ihr die Politik ein Verbot erteilt habe. „Deshalb ist es wichtig, dass wir öffentlichen Druck aufbauen und diesen Prozess so lange aufhalten, bis das Bergbaurecht reformiert ist.“ Weyand rechnet allerdings nicht mehr damit, dass sich ?in dieser Legislaturperiode ?noch etwas am Bergbaurecht ändern wird. Möglicherweise könne das EU-Umweltrecht, in dem der Wasserschutz eine hohe Priorität genieße, hier noch im Falle eines Falles zur Hilfe eilen, fügte Maisch vorsichtig hinzu.

Weyand sieht auch noch andere Gefahren ?außer einem erheblichen Wasserschaden. Wenn beim Fracking Giftrückstände in obere Schichten gelangten, würde der Boden verseucht. Das würde die Landwirte und die Lebensmittelherstellung treffen. „Deshalb hat sich auch der Deutsche Bauernverband vorerst gegen Fracking entschieden.“ Maisch stellt eine weitere Frage, die noch keine Antwort kennt: Wo und wie soll das giftige Lagerstättenwasser entsorgt werden, das nach dem Einsatz wieder nach oben gebracht wird? Inhaltsstoffe offenlegen Das Bergrecht verhindere ?sogar eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die heute für viele Bauprojekte normal sei, betonte Weyand. Der Verbandsfunktionär und alle anderen Teilnehmer fordern von den Erdölkonzernen, die mit Fracking arbeiten, dass sie die Inhaltsstoffe ihres Giftcocktails, den sie mit dem Wasser in den Boden geben, offen legen.

„Bisher dürfen sie das noch als Betriebsgeheimnis deklarieren.“ Deutschendorf hatte zum Schluss der Veranstaltung genug gehört und nur noch ein Kopfschütteln für den Antrag der Firma BNK übrig. „Wir haben hier viele Wasserschutzgebiete, den Nationalpark Kellerwald, Heilquellen und große Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit, weshalb in einigen Gegenden nicht einmal mehr Bohrungen für Erdwärme erlaubt sind. Fracking in Waldeck-Frankenberg? – Nein, das geht nicht.“ So einfach werden es ihm die Erdgasförderer wohl nicht machen. Allerdings: Die Franzosen haben Fracking verboten.

Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) Hessen hat eine Unterschriftenaktion „Stopp des Fracking in Hessen und anderswo“ gestartet. Die Listen sollen dem Hessischen Umweltministerium bei einer Anhörung im Herbst übergeben werden. Unterschriftenlisten liegen im Bürgerbüro der Stadt Korbach im Rathaus aus. Weitere Auskünfte gibt es beim BUND-Landesvorstandssprecher Rudolf Schäfer, Frankenberger Str. 12a, Frankenberg-Röddenau, Tel. und Fax: 06451/2304150, Mobil: 0162/7447739, E-Mail: ?rudolf.schaefer @bund.net.

Hintergrund

Fracking ist die Kurzform für die Erdgasfördermethode „Hydraulic fracturing“. Dabei werden mit Wasserdruck Risse in tiefliegende Gesteins-schichten gesprengt, damit das Gas daraus entweichen kann. Dafür benötigt es Wege, die bis zur Erdoberfläche offen sind. Der enorme Druck in der Erde würde sie schnell wieder schließen. Dagegen gibt es Mittel: Sand setzt sich in die Risse und verhindert, dass sie sich wieder schließen. Damit der Sand auch an diesen Stellen andockt, dafür sorgt eine Transportflüssigkeit, die aus Wasser und Chemikalien (Verhältnis 99:1) besteht. Die Chemie hält Bakterien fern (Biozide) und gibt dem Wasser eine Gel-Konsistenz. Dadurch transportiert die Flüssigkeit den Sand gleichmäßiger, als es Wasser allein könnte. Ein Prozent Chemie kann aber auch eine große Menge an Zusatzstoffen bedeuten, denn beim Fracking werden Millionen von Litern Wasser benötigt. Laut Betreiber bleiben keine dieser giftigen Chemierückstände im Boden. Das bestreiten allerdings die Fracking-Gegner. Die Betreiber suchen deshalb nach weniger giftigen oder sogar ungiftigen Zusatzstoffen.(rsm)

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