Baubesprechung auf dem Gerüst am Dach der Kilianskirche

Artisten unter der Kirchenkuppel

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Ingenieur Jürgen Kepplin, Pfarrer Markus Heßler und Denkmalpfleger Dr. Bernhard Buchstab auf dem Gerüst am Kilian.Fotos: Kleine

Korbach - Baustellen in über 60 Metern Höhe verlangen Handwerkern viel ab. Vor allem, wenn es ums Wahrzeichen einer Stadt geht: Der mächtige Kiliansturm bekommt einen neuen Kopfputz.

Zwei Gänge hat der stählerne Aufzug am Turm des Kilians: Personenbeförderung geht langsam, Material fährt schneller. Wir haben es eilig, also lassen wir uns am Dienstagmorgen als menschliches Material gen Himmel befördern. In rund 60 Metern Höhe, weit oberhalb der Aussichtsgalerie am Kirchturm, macht der Aufzug halt. Tür auf, Klappe runter, einen Schritt über den Abgrund – und rauf aufs Gerüst.

Unter dem blauen Fangnetz, das die Schieferhaube des Kilians umhüllt, geht es noch zwei Etagen hinauf am Gerüst, wo sich eine Expertenrunde völlig unbeeindruckt zeigt von artistischen Dimensionen. Dr. Bernhard Buchstab (Marburg), Oberkonservator der Landesdenkmalpflege, Tragwerksplaner Ralf Gockel (Kassel), Rudolf Toursel (Kassel), Architekt der evangelischen Landeskirche, der Korbacher Ingenieur Jürgen Kepplin, die Zimmermeister Heinz-Arno Wachs (Landau) und Dirk Marx (Beverungen) sowie Pfarrer Markus Heßler haben sich zur Baubesprechung am Dachstuhl getroffen.

Wenn die Glocken läuten, schwingt der Kirchturm

Es geht um statische Details, knifflige Konstruktionen aus Eichenbalken bis hin zu Schwingungen des Kirchturms, wenn die Glocken läuten. Der Turm trotzt zwar seit seiner Vollendung 1392 den Zeitläufen scheinbar wie ein Fels in der Brandung, doch er bewegt sich – und das Holz arbeitet mit Feuchtigkeit und Temperatur.

Bei Glockenschlägen schwingt der massive Kalksteinturm seit Jahrhunderten und Tag für Tag um Zentimeter hin und her. Geniale Bau- und Zimmermeister waren also vor über 600 Jahren am Werk, um steinernen Turm und hölzernen Dachstuhl (fast) für die Ewigkeit zu fertigen.

„Das ist weit überwiegend noch Originalsubstanz“, erklärt Heinz-Arno Wachs und zeigt vom Gerüst ins Innere der Turmhaube. Zimmerleute sind seit rund drei Wochen am Werk, um Teile der alten Eichenbalken auszutauschen. Die Balken stammen zwar nicht mehr aus gotischer Zeit des 14. Jahrhunderts, denn der Turmhelm wurde wiederholt durch Blitzeinschläge zerstört. Beispielsweise am 29. April 1685, als das Feuer die ganze Kirche stark beschädigte – darunter auch den Kiliansturm, der damals 92 Meter spitz in den Himmel ragte.

Aber das Kirchendach war durch den Blitz zerstört. Im Stile der Barockzeit ließen die Korbacher den Turmhelm bis 1709 dann als „Welsche Haube“ neu aufbauen. Seither ist die Kilianskirche deutlich kleiner: „74 Meter“, sagt Jürgen Kepplin – inklusive der goldenen Turmzier mit Kugel und Wetterhahn.

Morsche Stellen auch am Holz des Kaiserstiels

Die Konstruktion aus Eichenbalken hat über 300 Jahre gehalten. Aber an etlichen Stellen und Verbindungen ist das Eichenholz morsch geworden, wie Untersuchungen von Ralf Gockel im Vorfeld der Sanierung ergaben. Wie ein Trapezkünstler hangelte er sich dabei hoch oben durchs Gebälk, überprüfte Holz und über 60 Knotenpunkte der Konstruktion.

„Ziel ist, so viel Substanz wie möglich zu erhalten“, erläutert Kepplin. Dabei kommt nicht etwa frisches Eichenholz ins Gebälk. Der Ersatz muss lange abgelagert sein und stammt oft aus Zweitverwertung: Unversehrte Eichenholzbalken aus abgerissenen Altbauten sind eine begehrte Handelsware.

Auch am „Kaiserstiel“ müssen die Zimmerleute ran. Dieser besondere Balken verläuft senkrecht durch das Kirchendach – und trägt hoch oben die Turmzier. Stellenweise ist der „Kaiserstiel“ allerdings ebenfalls morsch geworden, schildert Denkmalpfleger Dr. Bernhard Buchstab.

Unterm Strich addiert sich die Dachsanierung am Kilian auf rund 550000 Euro. Dazu gehört zum Abschluss auch eine komplett neue Schieferdeckung. Im November, bevor die Herbststürme folgen, soll das Projekt in schwindelerregender Höhe möglichst fertig sein.

Bislang läuft die Arbeit planmäßig. Indes hatte sich der Baubeginn deutlich verzögert, denn im Turm brütete ein Wanderfalke als äußerst seltener Gast. Statt im April wurde das Gerüst am Kirchturm deshalb erst ab Mitte Juni aufgebaut.

Mit dem Nachwuchs bei den Wanderfalken hat es dieses Jahr noch nicht geklappt. Aber vielleicht lassen sich die Greife am Kilian nächstes Jahr erfolgreicher unter die (sanierte) Haube bringen.

Von Jörg Kleine

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