Sabine Wackernagel im Wolfgang-Bonhage-Museum in Korbach

Aschenputtels Flucht vor Drosselbart

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Tangoklänge zu Hänsel und Gretel, Polka für jubelnde sieben Geißlein: Hartmut Schmidt und Sabine Wackernagel.

Korbach - Mit einem rasanten Lebenslauf durch den Märchenwald fesselte Sabine Wackernagel das dicht gedrängte Publikum im Wolfgang-Bonhage-Museum.

Insgesamt 25 Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm bildeten die Basis für die ironische Autobiografie von Schneewittchens böser Stiefmutter, die ihre Odyssee als „Kluge Else“ mit „Zwirn im Kopf“ begann und zuletzt als Frau Holle ihre wahre Bestimmung fand. Denn in ihrer letzten Existenz kann sie bis heute die Menschen immer noch und immer wieder ein bisschen ärgern.

Die frechen Frauengestalten in der Märchenwelt, die sich nicht immer an die Regeln hielten, hatten es der Schauspielerin angetan. Dabei gestaltete Sabine Wackernagel geschickt das Miteinander von einer gewissen Verlegenheit wegen des Verstoßes und der Meinung, trotzdem das Richtige und sich etwas Gutes getan zu haben.

Musikalisch illustriert

Aufgrund des überzeugend ausgespielten Zwiespalts der Gefühle geriet ihre Anverwandlung an die kluge Else, deren rätselhaftes Verschwinden mit dem anschließenden Streich der „klugen Grethel“ aufgelöst wurde, zum großartigen Märchenvergnügen, das durch die musikalischen Illustrationen von Hartmut Schmidt zusätzliche Würze oder auch Schärfe bekam. Etwa beim Wetzen der Messer durch Grethels Herren, während sich anscheinend unvermeidliches Unheil über dem Haupt der gefräßigen Magd zusammenbraut.

Doch da Lügen bekanntlich kurze Beine haben, machte sich die Erzählerin trotzdem auf den Weg in ihre nächste Existenz und zum Lebkuchenhaus. Selbiges blieb, dank der rechtzeitigen Warnung durch einen Bären, zwar unangeknabbert, dafür nahm das Verhängnis mit dem „süßen Brei“ seinen ungebremsten Verlauf und mündete schließlich in den Besuch im Schlaraffenland, mit dem die kulinarische Phase erst einmal zu Ende ging.

Brillanter Übergang

Als Aschenputtel stach die Erzählerin zwar die bösen Schwestern beim Fest aus, ergriff aber gleich endgültig die Flucht, sobald sich der Prinz als König Drosselbart entpuppte. Bei der Parodie auf „Die Sieben Schwaben“ konnte Sabine Wackernagel auf Erfahrungen während ihres ersten Engagements in Tübingen zurückgreifen, und bis zum Eintreffen bei der titelgebenden Existenz als Schneewittchens böse Stiefmutter war sie auch schon mal Dornröschens richtige Mutter. Und der Übergang von den „Drei Spinnerinnen“ mit den geladenen Helferinnen bei der Hochzeit und der nicht geladenen weisen Frau, die den Spindelfluch ausstößt, war geradezu brillant.

Umso enttäuschender geriet die zentrale Partie, die nicht über ein unverschämtes Geständnis hinausging. Wer die ungehaltene Rede einer ungehaltenen und zu Unrecht verleumdeten Frau erwartet hatte, wurde jedenfalls enttäuscht. Das Programm „Goethes dickere Hälfte“, mit dem Sabine Wackernagel derzeit auch in Kassel auftritt, hatte (zumindest beim Rezensenten) Hoffnungen auf einen stärker gegen den moralischen Strich der Gebrüder Grimm gebürsteten Auftritt geweckt, als es die Märchencollage leisten konnte.

Die Ehrenrettung oder Rechtfertigung der bösen Stiefmutter blieb leider aus, neue darstellerische Elemente kamen bei der Gestaltung der Erzbösewichtin aus Eifersucht auch nicht zur Geltung, obwohl sich gerade die Titelrolle als markanter Höhepunkt anbot.

Lust auf Ausstellung

Die einstmals kluge Else ging einen Schritt weiter auf dem Weg der Untugend und flüchtete sich in die Rolle der bösen Zauberin von Jorinde und Joringel. Ein Märchen, das von Gertrud Hübner-Nauhaus überaus ansprechend gestaltet wurde und nun im Wolfgang-Bonhage-Museum zu sehen ist. Die Lust darauf, sich eingehender mit den Arbeiten der Künstlerin zu beschäftigen und einige Bilder noch genauer unter die Lupe zu nehmen, hat diese Märchen-Montage mit Musik auf jeden Fall geweckt.(ahi)

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