Die „Korbacher Tafel“ spürt die Folgen einer Aktion gegen Wegwerfmentalität

Aussortiert und doch begehrt

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In grünen Kisten werden die Lebensmittel für 488 bedürftige Kunden zusammengestellt: „Tafel“-Vorsitzender Oliver Breysach und Teamleiterin Ursula Beisenherz.

Korbach - Sie liegen in Einkaufswagen in der Nähe der Kassen oder sind mit ?einem auffälligen Etikett im Kühlregal markiert: Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist oder in Kürze abzulaufen droht. Noch landet viel aussortierte Ware bei der „Korbacher Tafel“. Aber seit März ist es weniger geworden.

Denn vor knapp vier Monaten startete Verbraucherministerin Ilse Aigner eine Informationsoffensive, mit der verdeutlicht werden sollte, dass es sich beim MHD nicht um ein Wegwerfdatum handelt.

Auf vier Millionen Flugblättern und Info-Karten, die in 21 000 deutschen Supermärkten verteilt wurden, lautete die Botschaft: In der Regel ist ein Produkt auch nach Ablauf des aufgedruckten Datums noch mehrere Tage bestens genießbar.

Das weiß auch Oliver Breysach, Vorsitzender der „Korbacher Tafel“. Doch zwei Herzen schlagen in seiner Brust, wenn er die Folgen dieser Kampagne beurteilt. Einerseits sei sie sinnvoll und begrüßenswert, weil sie im Kampf gegen die Wegwerfmentalität das gleiche Ziel verfolge wie die „Tafeln“.

Andererseits habe die Aktion jedoch inzwischen dazu geführt, dass die Menge gespendeter Lebensmittel zurückgegangen sei. „Ich erlebe es ja selbst beim Einkaufen“, berichtet Breysach, „in immer mehr Märkten gibt es die Wagen mit den Sonderposten oder beim Bäcker das Brot vom Vortag“.

Damit das Angebot im Tafelladen nicht darunter leidet, müssen die Fahrer des vereinseigenen Lieferwagens mittlerweile häufiger auf Tour gehen und öfter als bisher entferntere Ziele ansteuern. Denn es stellen nicht nur Supermärkte, sondern auch Hersteller Ware zur Verfügung, die sie nicht in den Handel bringen wollen.

So stapeln sich im Lager des Tafelladens in der Wildunger Landstraße zum Beispiel Paletten mit Toilettenpapier eines namhaften Herstellers. „Die waren falsch gewickelt“, erklärt Breysach. Vor kurzem landete dort ebenfalls eine ganze Charge mit Konserven, weil die einzelnen Dosen aufgrund eines Produktionsfehlers nicht die Anzahl an Würstchen enthielt, die auf dem Etikett angegeben war. Um das Sortiment zu ergänzen, werden zudem vermehrt Lebensmittel hinzugekauft, ausschließlich Sonderangebote.

Das Geld dafür stammt hauptsächlich von den Kunden der Tafel, denn jeder der bedürftigen Erwachsenen entrichtet pro Lebensmittelausgabe symbolisch einen Euro. Außerdem erhält der Verein immer wieder Barspenden, die er für den Zukauf verwendet.

„Anders ist das nicht zu machen“, betont Breysach, auch wenn er dafür Ärger mit dem Bundesverband der Tafeln riskiert, denn dort wird grund-sätzlich lieber gesehen, wenn nur Lebensmittel gespendet werden. Breysach hält das für realitätsfern: „Wenn ich einem Spender sage, er möge bitte für die Summe erst einmal einkaufen gehen, besteht die große Gefahr, dass er es sich anders überlegt.“

488 Bedürftige, 354 Erwachsene und 134 Kinder, versorgt die „Tafel“ aktuell mit Lebensmitteln. Laut Breysach sind es vor allem Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Rentner. „Es waren schon mal deutlich mehr“, berichtet Ursula Beisenherz, Ausgabe-Teamleiterin, bis zu 630 Personen in Spitzen-?zeiten. Dass es nun weniger sind, weil es weniger zu verteilen gibt, habe jedoch auch Vorteile, ergänzt Breysach.

Die Arbeitsbelastung für die rund 30 Ehrenamtlichen sei nicht mehr so hoch. Zudem bliebe nun bei der Ausgabe doch wieder öfter Zeit für einen Plausch mit den Kunden, die sonst über wenig soziale Kontakte verfügten.

Wer die „Korbacher Tafel“ als ehrenamtlicher Mitarbeiter unterstützen möchte, erhält nähere Informationen unter Tel. 05631/503348, E-Mail: info@korbacher-tafel.de, www.korbacher-tafel.de.

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