Im Tauziehen um Sanierung oder Abriss verfällt ein Fachwerkhaus an der Enser Straße immer weiter

Barocke Baukunst oder Schandfleck?

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Das 1740 erbaute Fachwerkhaus in der Enser Straße 3 modert seit Jahren vor sich hin. Ein Bauzaun soll Passanten vor bröckelndem Putz und fallenden Ziegeln schützen.Foto: Kleine

Korbach - Es regnet durchs Dach, die Fassade bröselt, und innen sieht‘s aus wie bei Hempels unterm Sofa: Das große Fachwerkhaus in der Enser Straße 3 modert vor sich hin. Die Denkmalbehörde möchte sanieren, andere halten dieses Vorhaben für nicht realisierbar.

Vier Stockwerke ragt das fast 300 Jahre alte Fachwerkhaus in der scharfen Biegung der Enser Straße empor. Ein Stück oberhalb steht am alten Marktplatz stolz die alte „Waage“, rechts daneben schmückt Korbachs einziges erhaltenes „diemelsächsisches Bauernhaus“ die Szenerie aus Fachwerk in der Enser Straße.

Das schöne Bauernhaus aus dem Jahre 1732 mit seinem großen Tor ist kulturhistorisches ein wahres Pfund der Korbacher Altstadt. Doch an die linke Seitenwand kommt derzeit niemand mehr heran: Es droht Gefahr durch herabfallende Ziegeln oder gar Fensterscheiben von der Enser Straße 3.

Alte Lampen hinter milchigen Scheiben

Wer früher an diesem beige verputzten Fachwerkhaus entlang spazierte, der wähnte ein Museum für Lampenschirme im Erdgeschoss. Das war lange Zeit zum Schmunzeln. Inzwischen sind die Scheiben längst blind, und allzu nahe sollten Passanten dem Gebäude auch nicht kommen: Die Stadt Korbach ließ vorsorglich einen Bauzaun ziehen, um der öffentlichen „Verkehrssicherheit“ genüge zu tun.

Seit Jahren ist das 1740 errichtete mächtige Gebäude aus der Barockzeit samt flachem Anbau nur noch ein Schatten seiner selbst. Im Oktober 2012 stellte ein Korbacher Architekt deshalb einen Antrag auf Abriss - und richtete eine Bauvoranfrage an die Kreisverwaltung.

Der Architekt würde das private Grundstück dort erwerben, um dort einen Neubau mit acht Wohnungen zu errichten. Denn nach seiner Ansicht ist eine Sanierung des verfallenen Fachwerkhauses mit privaten Investitionen nicht mehr finanzierbar.

Heimischer Architekt: Abriss und Neubau

Aus Perspektive der Denkmalpflege ist eine Rettung des Fachwerkhauses aber längst nicht aussichtslos: „Wir hoffen schon, dass wir in Richtung Sanierung gehen können“, sagt Dr. Bernhard Buchstab (Marburg) vom Landesamt für Denkmalschutz. Das Bürgerhaus mit teils barocken Verzierungen im Gebälk sei wichtig fürs Stadtbild. Zudem gebe es in Hessen etliche Beispiele, dass äußerlich heruntergekommene Fachwerkhäuser durch Sanierung wieder zu neuem Glanz erwachten.

So verweist Buchstab auch beim Gebäude in Korbach auf „laufende Verhandlungen mit Interessenten“, denen der Denkmalpfleger aus Marburg weiteren Raum geben möchte.

Mittlerweile gebe es zwei Investoren, die sich gemeldet hätten, das Gebäude zu erhalten, erklärt denn auch Walter Schumann von der Unteren Denkmalschutzbehörde beim Landkreis Waldeck-Frankenberg. Ein potenzieller Mieter für das gesamte Gebäude habe sich ebenfalls gefunden - wenn das Haus entsprechend saniert worden ist. „Grundsätzlich sind wir im Stadium der Überprüfung“, sagt Schumann.

Welche Investoren genau am Ball sind, und welche Pläne sie verfolgen, darüber bewahren die Behörden derzeit Stillschweigen. Nach WLZ-Informationen gibt es aber offenbar Überlegungen, barrierefreie Wohnungen für alte oder behinderte Menschen dort einzurichten. Staatliche Zuschüsse könnten aus der Denkmalpflege und vom hessischen Sozialministerium fließen.

Denkmalpflege hofft weiter auf Sanierung

Doch die ganze Prozedur scheint zäh wie Kaugummi. Im Februar 2013 erhielt der heimische Architekt einen Bauvorbescheid, der höchstens einen Abriss des flachen Anbaus in Aussicht stellte. Der Architekt legte Widerspruch ein. Wiederholt gab es Ortstermine in der Enser Straße zur Begutachtung des Gebäudes, ebenso 2013 ein Gespräch zwischen Architekt, Denkmalpflege und Stadt im Rathaus.

Die Stadt ist zwar nicht Eigentümerin des Hauses, aber für öffentliche Sicherheit verantwortlich. Und aus dieser Perspektive ist eine Entscheidung überfällig, was aus dem Gebäude künftig werden soll.

Ob Neubau oder Sanierung - „für uns ist eine Projektentwicklung wichtig“, betont Bauamtsleiter Stefan Bublak. Städtebaulich sei das Haus ein Schandfleck und gefährde längst das benachbarte diemelsächsische Bauernhaus, unterstreicht Bürgermeister Klaus Friedrich. So appelliert der Rathauschef an die Denkmalbehörde, im „Abwägungsprozess“ von Sanierung oder Abriss möglichst bald eine Entscheidung zu treffen.

„Lange kann man das Gebäude in diesem Zustand nicht mehr stehen lassen“, das räumt auch Denkmalpfleger Bernhard Buchstab ein. Zumal der Winter weitere Spuren hinterlassen wird. Eine Entscheidungsfrist hat das Landesamt dennoch nicht gesetzt. Es gelte weiterhin, „unaufgeregt verschiedene Möglichkeiten der Sanierung auszuloten“, erklärt Buchstab.

Hintergrund: Hausgeschichte

Das Fachwerkhaus in der Enser Straße 3 wurde 1740 vom Hofrat und Stadtkommissar Tilemann Arnold Henrich Waldeck erbaut. Die flachere Scheune ließ 1837 der damalige Eigentümer Heinrich Stoecker errichten.Über die Jahrhunderte wechselten die Besitzerfamilien häufig. Von 1877 bis 1902 gehörte das Gebäude den Freiherrn Kleinschmit von Lengefeld. 1903 erwarb der Kaufmann Wilhelm Postelmann das Grundstück. Nach dessen Tod im Jahre 1922 kam dieses Erbe der seit 1627 in Korbach ansässigen Familie Postelmann an die Stadt Korbach. 1951 verkaufte die Stadt das Gebäude an den aus Frankenau stammenden Schreinermeister Heinrich Scheerer.

Von Jörg Kleine

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