Warum sich die Kraftstoffpreise in Korbach seit Wochen kaum verändern

Berg-und-Tal-Fahrt und etwas Ruhe

Korbach - Wer die Preise an den Tankstellen der Kreisstadt ständig im Blick hat, wundert sich derzeit oder ärgert sich sogar: kaum noch Schwankungen – und das, obwohl der Preis für Rohöl in den vergangenen Wochen deutlich gesunken ist. Im übrigen Landkreis kämpfen vor allem die kleinen Betreiber weiter mit dem täglichen Auf und Ab.

Reinhold Emde aus Goddelsheim nutzt zwei der vielen Dienste, die das Vergleichen der Kraftstoffpreise in Echtzeit möglich machen. Er verfolgt die Entwicklung bei Diesel – seit längerer Zeit. Seine Beobachtung: Seit dem 28. Mai hat sich nichts verändert auf der Preistafel der Freien Tankstelle in der Medebacher Landstraße, die sonst ihm zufolge immer als erste Vorteile aus sinkenden Rohölpreisen an die Kunden weitergegeben hat. Konstant zeigt die Tafel 1,20⁹ Euro pro Liter Diesel und das nicht nur dort. Vier von fünf Korbacher Tankstellen halten an diesem Preis fest, eine weitere weicht um einen Cent ab. Ebenfalls beobachtet hat Reinhold Emde, dass Kraftstoff in Korbach zwar lange Zeit deutlich günstiger war als im Umland (von Bad Arolsen bis Frankenberg und Marburg), sich das Verhältnis aber jetzt umgekehrt hat: Aktuell ist Dieseltanken in Korbach konstant teurer als in anderen Orten der Region. Das Tankcenter in der Arolser Landstraße zum Beispiel erhält die Preisvorgaben direkt von „total“ in Berlin. Manuel Fuchs (Pressestelle) spricht von einer paradoxen und „sehr, sehr unüblichen“ Situation. „total“ verändere den Preis zwar, passe ihn aber wieder an, wenn die anderen nicht mitziehen. „Üblicherweise kommt der Impuls von den freien Tankstellen.“ Drei der fünf Anbieter in Korbach gehören dem bft an und haben in Thomas Grebe einen kompetenten Sprecher. Denn er ist Vorsitzender des Bundesverbands Freier Tankstellen, dem mehr als 2200 angehören – mittelständische Unternehmen, darunter viele mit nur einem Standort. Er erklärt die Strategie, zu der sich die Firma Grebe in Korbach vor etwa einem halben Jahr entschlossen hat: Einkauf auf Basis eines monatlichen Durchschnittswertes, um das ständige Rauf und Runter zu vermeiden. Das Ziel: langfristig stabile Preise zum Vorteil für beide Seiten. „Wir wollten herausfinden, was die Kunden am meisten stört“, sagt er. Das Ergebnis: Nicht die Tageshöchstpreise, sondern die starken Schwankungen verärgern. Das ständige Gefühl, nicht den billigsten Zeitpunkt erwischt zu haben, verursacht Unwohlsein. Sprünge von 10 bis 15 Cent am Tag bei fünf oder sechs Änderungen seien die Regel. Lange Zeit waren die Preise am Spätnachmittag und Abend am niedrigsten mit diesen Folgen: Schlangen bis auf die Straße, aggressive Stimmung bei den Kunden und auch Stress für die Angestellten. Sie müssen die Preisänderungen aus ihrer Zentrale sofort umsetzen, sodass zwei Kunden, die direkt nacheinander tanken, unterschiedlich viel berappen… Über manche Verhaltensweisen schütteln Tankstellen-Betreiber nur den Kopf. Zum Beispiel wenn Kunden vorfahren, an der Zapfsäule stehend im Internet nachsehen und kehrtmachen – wegen eines Cents Preisunterschied. Oder wenn Autofahrer morgens für fünf Euro oder weniger tanken, um später am Tag wiederzukommen. Wer wie die Firma Grebe in Korbach in einem Gewerbegebiet ansässig ist, bedient vor allem Firmen, deren Fahrer morgens tanken – hier gebe es erst recht kein Verständnis für die starken Schwankungen, sagt Thomas Grebe. Weitere Nachteile für die Betreiber: Das Geschäft abseits der Zapfsäulen mit Kaffee und Brötchen, Zeitschriften und vielem mehr läuft schlechter beim Ansturm ab spätem Nachmittag. Das merken auch die „Großen“. Und inzwischen würden die Preise nicht mehr abends, sondern mittags gesenkt, weil sich gezeigt habe, „dass das nicht funktioniert“. Eine Schlüsselrolle kommt der Markttransparenzstelle (MTS) zu, die eigentlich als Schwankungsbremse gedacht gewesen sei. Der Bundesverband bft habe allerdings schon vor der Einführung Bedenken geäußert – auch aufgrund einschlägiger Erfahrungen im Ausland. Unruhe und enorme Hektik seien entstanden durch die Vergleichsmöglichkeit, denn die nutzen neben den Käufern natürlich auch die Anbieter für den Blick auf die Konkurrenz. Während bei großen Konzernen vieles automatisch laufe, müssten die Betreiber kleiner Tankstellen selbst ununterbrochen den Markt beobachten, reagieren und die Veränderungen melden. Grebes Fazit: Die Einführung der MTS habe zu mehr Arbeit und zu mehr Unzufriedenheit geführt. Das bestätigt Markus Fehr, der mit der „Alten Hütte“ vor den Toren Frankenbergs die einzige freie Tankstelle und auch die älteste des Ortes betreibt. Ständig vergleicht er seine Preise mit denen der Konkurrenz und schüttelt den Kopf über Sprünge um zehn Cent auf einmal. Aber: Will er sich am Markt behaupten, muss er die Berg-und-Tal-Fahrt mitmachen und reagieren. Auch Markus Fehr wünscht sich, dass Ruhe einkehrt, und sagt: „Die Leute sind total verunsichert.“ „Wir wollen einen Preis, der im Mittel marktgerecht ist“, sagt Thomas Grebe. Und auch dem Kunden sei mit einem realistischen Preis mehr geholfen als mit den starken Schwankungen. Entscheidend für die Betreiber sei schließlich der durchschnittliche Verkaufspreis des ganzen Tages. Der Versuch, Ruhe ins Geschäft zu bringen und quasi einen Rastplatz bei der Berg-und- Tal-Fahrt zu schaffen, ist in Korbach gelungen, wo die großen Konzerne in der Minderheit sind und sich die drei freien Tankstellen aneinander orientieren. An den zehn anderen Grebe-Tankstellen von Marsberg bis Volkmarsen, von Gudensberg bis Ernsthausen sei die Strategie dagegen bisher nicht aufgegangen. Der sehr guten Gewinnmarge zurzeit stehe eine relativ geringe Marge zu Beginn des Versuchs Ende 2014 gegenüber. Und die gänzlich ungestörte Ruhe der vergangenen Wochen in Korbach werde wohl nicht von Dauer sein, prognostiziert Thomas Grebe. Doch wenn seine Firma den Preis anpasst, dann nur um ein, zwei oder drei Cent – damit auch der neue Preis längere Zeit Bestand hat. Wie kommt die Ruhe auf der Preistafel im Gewerbegebiet bei seinen Kunden an? „Das wird positiv gesehen. Der weitaus größte Teil findet es gut“, sagt er. Seine Einschätzung als bft-Vorsitzender für den Markt allgemein: Auch wenn die Einführung der Markttransparenzstelle für mehr Bewegung gesorgt hat, werde es mittelfristig nicht mehr so viele und so große Spreizungen geben. „Irgendwann wird Vernunft einkehren.“Doch bis dahin kämpften genug mittelständische Firmen mit dem täglichen Auf und Ab, und einige dürften dabei auf der Strecke bleiben, befürchtet er. Von Christiane Deuse

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