77-jährige Korbacherin um ihre Ersparnisse gebracht · Sechs Monate auf Bewährung

Betrug durch Schockanruf: Litauer verurteilt

Korbach - Eine Bande aus Litauen hat Russlanddeutsche mit Schockanrufen betrogen. Ein 23-Jähriger musste sich deshalb gestern in Korbach vor Gericht verantworten: Er hatte im Juli 2012 eine 77-jährige Korbacherin um ihre Ersparnisse gebracht.

Die Frau hatte vormittags den Anruf eines angeblichen Rechtsanwaltes erhalten. Ihr Sohn habe einen Unfall verursacht, erklärte er der Rentnerin. Dabei sei ein Mädchen schwer verletzt worden, die nun 10 000 Euro Schmerzensgeld fordere. Ein weiterer Mann gab sich als ihr Sohn aus und bestätigte den Sachverhalt. Weil er am Mund verletzt sei, könne er nur undeutlich sprechen, erklärte er die fremde Stimme. „Es war eine ängstliche, erschrockene Stimme. Ich habe gedacht, es ist mein Sohn“, sagte die 77-Jährige vor Gericht. Sie erklärte sich bereit, 5000 Euro zu zahlen. „Das Geld hatte ich für meine Beerdigung zurückgelegt“, sagte die Rentnerin.

Noch am gleichen Tag holte der 23-jährige Litauer das Geld bei der Korbacherin ab - allerdings forderte die 77-Jährige eine Quittung, die der Mann auch ausstellte. Für ihn ein fataler Fehler: Die Gerichtsmedizin in Gießen untersuchte den Kugelschreiber auf DNA-Spuren und wurde fündig. Nicht nur das: Das DNA-Muster des 23-Jährigen war in der Analyse-Datenbank des Bundeskriminalamtes registriert - der Litauer war wegen ähnlicher Vergehen bereits in Bayern aktenkundig. Bei einer sogenannten „Wahllichtbildvorlage“ identifizierte darauf die Korbacherin den Angeklagten: Unter mehreren Fotos mit ähnlichen Personen wählte sie das richtige aus.

Wegen gemeinschaftlichen Betrugs hat das Schöffengericht den Mann gestern zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Aufgrund der Beweislage stehe fest, dass der Angeklagte den Betrug begangen habe, erläuterte Richter Karl-Heinz Kahlhöfer-Köchling das Urteil. Nicht nachzuweisen sei ihm aber, dass er in einer Bande organisiert gewesen sei. Das Gericht blieb deshalb unter der Freiheitsstrafe von einem Jahr, die die Staatsanwältin gefordert hatte.

Die Masche ist der Polizei indes bundesweit bekannt: Die Hintermänner sitzen in der Regel in Litauen. Von dort schicken sie ihre Hilfstruppen nach Deutschland, dirigieren sie in Städte, in denen viele Russlanddeutsche leben. Vom Computer in Litauen aus starten die Chefs der Betrügerbande dann ihre gemeinen Aktionen. Aus dem Internettelefonbuch suchen sie wahllos Menschen heraus, dessen Namen sie Aussiedlern zuordnen. Dann werden die Opfer mit fingierten „Schockanrufen“ in russischer Sprache, meist von einem angeblichen Anwalt, überrascht. Geht das Opfer auf die Forderung ein, wird das bereits wartende „Hilfsteam“ per Handy von Litauen aus zur Wohnung gelotst, um das Geld abzuholen. Allein im Sommer 2012 bearbeitete die Kriminalpolizei in Korbach 39 solcher Fälle, berichtete ein Beamter vor Gericht.(lb)

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