„A Christmas Carol“ von Dickens als großartige Show in Korbacher Stadthalle

Bildmächtiges Weihnachtsmusical

Gänsehautmoment: Scrooge und der letzte Geist als stummer Clown mit Ziehharmonika. Foto: Hennig

Korbach - Die Musicalversion von Charles Dickens’ „A Christmas Carol“ in der ausverkauften Korbacher Stadthalle überwältigte die Zuschauer mit einer großartigen Show.

Auf den ersten Blick bietet die zu Herzen gehende Handlung allenfalls die Grundlage für ein zu Herzen gehendes Kammerspiel mit viel Elends­poesie. Regisseur Viktor Nagy setzte Geiz, Grauen, Elend und Erlösung gleichermaßen sinnfällig in Szene. Die kongeniale Übersetzung von Andreas Pegler verwandelt die jeweilige Botschaft der Charakterstücke in einprägsame Reime, bringt die Standpunkte der handelnden oder leidenden Personen präzise auf den Punkt: „Geld kann dich retten, sprengt alle Ketten“, singt Scrooge (Andreas Pegler) im Verlauf seiner persönlichen Erfolgsbilanz, mit der er sich gegen die Heuchelei des Weihnachtstrubels absetzt. Erst recht, nachdem er seinem Buchhalter Cratchet (Lorant Nagy), für den Weihnachten mal wieder am falschen Ende des Monats liegt, den Vorschuss für die Weihnachtsgans verweigert hat.

Der Gang des Familienvaters über den Gänsemarkt gerät zu einer der großartigen Ensembleszenen, die mit den Weihnachtstänzen des jungen Scrooge bei der Rückschau auf die verpassten Gelegenheiten zu einem erfüllten Leben in der Weihnacht von gestern ihre Fortsetzung finden und in den makabren Totentänzen in der Weihnacht von morgen mit dem Leichenfledderer-Rap gipfeln.

Der allgemeine Freudentaumel am eigenen Grab klopft bekanntlich auch den entschlossensten Geizhals der Geschichte weich, bezeichnende Feinheiten in den stilleren Momenten geben der Wandlung zusätzlich Glaubwürdigkeit, während der Panzer des alten Leuteschinders mehr und mehr Risse bekommt. Die jaulenden Ziehharmonikalaute, mit denen der letzte Geist (Csaba Korösi) seine Ankunft als stummer Clown ankündigt, sind auch bei den Zuschauern für echte Gänsehaut-Momente gut.

Andreas Pegler gibt seinem Scrooge auf jeder Phase des Wegs vom irregeleiteten Sünder bis zum Mann, der aus lauter neu erwachter Menschenliebe gleich seine Millionen aus dem Fenster wirft, Glaubwürdigkeit auf den Weg. In Csaba Korösi als zum Gespenst gewordenen Ex-Partner Marley findet er einen mindestens ebenbürtigen Führer durch die Welt der Geister. Die Szenen, in denen Marley mit seinem Schützling Scroogeam Ärmel durch die Geisterwelt fliegt, dürfte die jüngeren Zuschauer an Harry Potter und Professor Dumbledore erinnert haben, doch nach der großartigen Show mit einer dramatischen Musik, die eher an „Les Miserables“ von Jean-Michel Schönberg als an die netten Klänge von Andrew Lloyd-Webber erinnerte, dürften fortan alle Anwesenden die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens mit anderen Augen sehen oder wieder lesen. Nach dieser Vorstellung ist Weihnachten auch für die Zuschauer nicht mehr dasselbe und im Gegensatz zu Scrooge hatte am Ende keiner sein Geld zum Fenster hinaus geworfen.

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