Spezielle Reflektoren sollen an immer mehr Straßen das Wild abschrecken

Bei Blau sehen Rehe rot

Waldeck-Frankenberg - Neue Reflektoren an Leitpfosten sollen die Zahl der Wildunfälle senken. Das Geheimnis ist ihre Farbe. Denn Blau wirkt auf Rehe und Wildschweine bedrohlich und soll somit die Wildtiere von der Straße fernhalten.

Die blauen Reflektoren strahlen immer häufiger an den Straßenrändern im Landkreis Waldeck-Frankenberg: In den vergangenen zwei Jahren seien ständig neue Strecken hinzugekommen, sagt Horst Sinemus von der Straßenbaubehörde Hessen Mobil in Bad Arolsen. „Jagdgenossenschaften und Jagdpächter finanzieren die Reflektoren, Mitarbeiter von Hessen Mobil montieren sie kostenlos“, erklärt Sinemus. An Unfallschwerpunkten soll das in den Wald reflektierte Scheinwerferlicht Wild daran hindern, die Straße zu kreuzen – „sozusagen als optischer Zaun“, beschreibt Sinemus das Prinzip. Rot und Grün könne von Wildtieren, die nur Grautöne erkennen, nicht deutlich unterschieden werden. Rot sei somit für Reh und Schwein kein Warnsignal, sagt der Hessen-Mobil-Sprecher. Dagegen würde sich Blau, eine Farbe die in der Natur kaum vorkomme, deutlich abheben. Im waldreichen Landkreis ist die Zahl der Wildunfälle hoch. 2013 nahm die Polizei 1211 Wildunfälle auf, das sind 32,5 Prozent aller Verkehrsunfälle. 2006 waren es noch 19,8 Prozent. Als Ursache wird unter anderem ein Anstieg der Wildpopulation vermutet, bedingt durch milde Witterungsbedingungen und ein Überangebot an Futter. Bundesweit sind bis zu 27 Tote, knapp 600 Schwerverletzte und Sachschäden von rund 490 Millionen Euro die jährliche Bilanz von Wildunfällen auf Seiten der Verkehrsteilnehmer. Jährlich fallen dem Straßenverkehr über 200 000 Stück Reh-, Rot-, Dam- und Schwarzwild, zuzüglich einer nicht erfassten Anzahl an Niederwildarten wie Fuchs und Hase zum Opfer. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Der Deutsche Jagdverband (DJV) schätzt die Zahl an Wildtieren, die jährlich im Straßenverkehr getötet werden, auf etwa eine Million. Die ersten Erfahrungen mit den blauen Reflektoren geben Hoffnung, das Risiko von Wildunfällen zu minimieren. In einem Forschungsprojekt von ADAC und DJV wurden 2011 die Reflektoren auf 25 Versuchsstrecken in Schleswig-Holstein installiert. Das in diesem Jahr veröffentlichte Zwischenergebnis: Die Zahl der Wildunfälle wurde um bis zu 80 Prozent gesenkt. Ein Ergebnis, das sich jedoch nicht auf allen Strecken gleichermaßen zeigte. Unklar ist noch, ob sich die Tiere nach einiger Zeit an die Reflektoren gewöhnen und der abschreckende Effekt nachlässt. Der wissenschaftliche Versuch steht unter der Leitung des Instituts für Wildbiologie Göttingen und Dresden und wird noch bis 2015 fortgeführt.Unabhängig von den blauen Reflektoren können auch die Fahrer selbst einiges tun, um die Wahrscheinlichkeit eines Wildunfalls zu minimieren. Verkehrsexperten raten, in der Nähe von Wild-Warnschildern den Fuß vom Gas zu nehmen. Sollte ein Reh oder ein anderes Tier auf der Fahrbahn auftauchen, heißt es hupen und abblenden, bremsen und bloß nicht unkontrolliert ausweichen. Von Lutz Benseler

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