Gemeindearchiv in der Adorfer Verwaltung verwahrt historische Dokumente der 13 Diemelseer Ortsteile

Blick ins Dorfleben zweier Jahrhunderte

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Mit Adorfer Bauakten aus dem 19. Jahrhundert: Forscher Erwin Brüne und der ehrenamtliche Leiter des Diemelseer Gemeindearchivs, Heinz Frese. Auch Bauzeichnungen finden sich.

Diemelsee-Adorf - Ob Bauplanungen, Flurnamen oder Familiengeschichte - das Gemeindearchiv ist eine Fundgrube für Heimatforscher.

Staatliche Abgaben können sich ziemlich hartnäckig halten. Ein bekanntes Beispiel ist die Sektsteuer, die 1902 eingeführt worden ist, um die kaiserliche Marine zu finanzieren. Die Kriegsschiffe Wilhelms II. verrosten längst auf dem Meeresgrund, aber Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kassiert die Schaumweinsteuer auch heute noch.

Auch im Gemeindearchiv findet sich ein Relikt staatlicher Abgaben, die sogar schon seit dem frühen Mittelalter erhoben wurden: Im Adorfer Zehntregister ist festgehalten, welcher Hausherr was an die Obrigkeit zu zahlen hatte. 1813 setzt das handschriftlich geführte Buch ein. Neben einem sogenannten Schatzungsbuch aus dem Jahr 1767 und einer Schweinsbühler Chronik aus dem 17. Jahrhundert ist es wohl das älteste Dokument in den Beständen.

Die Akten lagern fein säuberlich in grauen Kartons, die sich in Metallregalen stapeln. Jeder der 13 Ortsteile ist in alphabethischer Folge vertreten, jeder Bestand ist nach der bundesweit einheitlichen Archivordnung in „Konvolute“ und „Faszikel“ eingeteilt. Dokumente lassen sich so leicht finden.

Leiter Heinz Frese

Heinz Frese hebt einen Deckel an. Der Wirmighäuser ist ehrenamtlicher Leiter des Gemeindearchivs. Der Bankbeamte hat jahrelang in Frankfurt gear-beitet, nach seiner Pensionierung kehrte er in sein Heimatdorf zurück. Er holt ein Rhenegger Brandkataster aus dem 19. Jahrhundert hervor. Der 71-Jährige hat einen Vorteil: Er kann die alten Handschriften lesen. Mit der feinen Kanzleischrift der Beamten hätten auch Laien wenig Schwierigkeiten. Aber das altdeutsche Sütterlin hat je nach Handschrift seine Tücken. Da rätseln dann auch Profis.

Im nächsten Karton liegt ein prächtig ausgestattetes „Heldenbuch“, das Teilnehmer und Gefallene des Ersten Weltkriegs aus dem Dorf nennt. Sogar Soldatenfotos sind beigefügt.

Da die Bürgermeister für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen hatten, finden sich in mehrfacher Ausfertigung die waldeckischen Regierungsblätter der Jahre 1816 bis 1929, Verfügungen des Korbacher Kreisrats von 1854 bis 1891, Reichsgesetzblätter von 1871 bis 1943 und weitere Amtsblätter. Bei den eigentlichen Gemeindeakten dominiert das Rechnungswesen. Da ist sogar festgehalten, wenn der Ortsdiener eine neue Jacke erhalten hat. Auch die Bauakten sind relativ dick: Die Bürgermeister stellten etwa ab 1850 Baugenehmigungen aus. Auch Pläne und Zeichnungen sind in den Akten mit abgeheftet. Um 1850 wurde das Fürstentum Waldeck erstmals vermessen und kartiert, die Adorfer haben für ihre Karten eigens Holzkisten geschreinert. Auch sie lagern heute im „zentralen Gemeindearchiv“ Diemelsees.

Erst mehr als zehn Jahre nach der Bildung der Großgemeinde 1971/72 wurde es eingerichtet, um alle vorhandenen Akten der selbstständigen Gemeinden Adorf, Benkhausen, Deisfeld, Flechtdorf, Giebringhausen, Heringhausen, Rhenegge, Schweinsbühl, Sudeck, Stormbruch, Ottlar, Vasbeck, Wirmig- hausen zusammenzufassen.

Akten im Ziegenstall

Da es in der Regel kein Rathaus gab, lagen viele Akten bei einstigen Bürgermeistern auf dem Dachboden oder standen bei Ortsvorstehern im Büro. Sogar in einen Ziegenstall waren alte Dokumente ausgelagert.

Das Gemeindearchiv wurde auch gegründet, um die Bestände der Nachwelt zu erhalten und für die Nutzung zugänglich zu machen. Heinz Frese berichtet, 1983 habe es erste Vorgespräche mit der Beratungsstelle für Gemeindearchivpflege beim hessischen Landkreistag gegeben. Dessen Leiter, Dr. Ernst Jakobi, unterstützte die Diemelseer. Doch zunächst galt es, Überzeugungsarbeit zu leisten: Nicht in allen Dörfern waren die Einwohner begeistert davon, dass sie ihre historischen Unterlagen nach Adorf geben sollten. Nachdem Vorbehalte ausgeräumt waren, bewilligten die Gemeindevertreter 1984 einen ersten Ansatz im Haushalt.

Räume fanden sich in der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Gemeindeverwaltung am Kahlenberg. Von 1986 bis 1988 wurden die Bestände gesammelt, neu geordnet und nach einer einheitlichen Systematik inventarisiert. Das Korbacher Arbeitsamt bewilligte zeitweise vier Stellen im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Findbuch für jedes Dorf

Für jedes Dorf wurde ein Findbuch gedruckt - das sind Inventarverzeichnisse, die alle Dokumente nach einer einheitlichen Ordnung erfassen.

Im Juni 1990 wurde das Archiv in einer Feierstunde offiziell übergeben. Die ehrenamtliche Leitung übernahm der damals bereits pensionierte Konrektor der Adorfer Mittelpunktschule, Karl Welteke. Als er starb, wurde Fritz Pohlmann 2003 sein Nachfolger - der Korbacher lebte zeitweise im Zollhaus zwischen Wirmighausen und Vasbeck. Heinz Frese und Petra Lübbert aus Benkhausen unterstützten ihn. Seit dem Ausscheiden Pohlmanns Ende 2011 hat Heinz Frese die Leitung inne.

Auch heute kommen noch gelegentlich Bestände hinzu. Kürz- lich hat etwa der ausgeschiedene Ortsvorsteher aus Sudeck seine Akten ins Archiv gegeben, sie beginnen 1972. Alle Neuzugänge erfasst Frese nach der festen Ordnung im Computer.

Das Archiv hat neben alten kirchlichen Büchern auch viel aus dem Nachlass des Heimatforschers Alfred Emde in seinem Bestand. In unermüdlicher Arbeit hat er Kirchenbücher und Akten ausgewertet. Seine Werke zeugen davon, welch eine wertvolle Quelle für Heimatforscher die alten Dokumente bilden.

Fürstliche Steuern

Sie sind aber auch für Historiker interessant. So lassen Angaben über Abgabenpflichten Rückschlüsse auf die Finanzlage von Familien zu, solche Daten können eine Grundlage für sozialgeschichtliche Untersuchungen sein. Und im Kleinen spiegelt sich immer wieder „große“ Geschichte wider. Beispiel: „der Zehnte“, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde diese mittelalterliche Abgabe abgelöst.

Auch die chronisch leere Staatskasse des Fürstentums schlägt sich im Aktenbestand nieder. Beispiel: das Adorfer Schatzungsbuch. Eine Schatzungskasse haben die waldeckischen Landstände 1723 eingerichtet. Sie bestand bis 1825. Die Schatzung ist eine Grundsteuer, es sei die einzige fortlaufend erhobene Steuer des Fürstentums gewesen, hält Hermann Bing in seiner bis heute grundlegenden Doktorarbeit über die „Finanzgeschichte Waldeck-Pyrmonts“ fest. Sie sei je nach Leistungsfähigkeit für einzelne Güter oder sogar nach dem Ertrag je Grundstück erhoben worden.

Ein regelmäßiger Besucher im Archiv ist Erwin Büne aus Rhoden. Der gebürtige Adorfer erforscht derzeit die Geschichte der Häuser in seinem Heimat- dorf. So hat er Brandkataster und Gemeindesteuerlisten ausgewertet, um Eigentümer und Familien zu erfassen oder Besitzerwechsel zu dokumentieren. Die Arbeit könnte in ein „Häuserbuch“ münden, das die Zeit ab 1850 möglichst lückenlos darstellt. Auch Philipp Emde war für sein Vasbecker „Häuserbuch“ oft im Archiv.

Jüdische Gemeinde

Brüne hat außerdem Protokolle der Gemeinderatssitzungen und der Wasserleitungsgenossenschaft als Computerdateien erfasst, auf Knopfdruck kann er nach Stichwörtern suchen. Auch Nachforschungen zum Adorfer Burggut hat er begonnen, und schließlich befasst er sich mit der Geschichte der Adorfer Juden - so wundert er sich über Angaben von Karl Welteke, dass ihre Zahl 1872 auf 87 gestiegen sei. Nachvollziehen kann er diese Angabe auf der Basis seiner Häuserforschungen nicht. Auch zur jüdischen Schule hat er nur spärliche Hinweise gefunden.

Das Adorfer Material sei „naturgemäß am umfangreichsten“, erklärt Brüne - bereits 1968 hatte die noch selbstständige Gemeinde begonnen, mit fachlicher Unterstützung ein Archiv einzurichten. Überwiegend stamme das vorliegende Material aus dem 19. und 20. Jahrhundert, berichtet Brüne. „Ältere Dokumente und Unterlagen sind vermutlich alle im Staatsarchiv in Marburg.“

Das Archiv steht allen Interessenten offen. Etwa zehn bis 15 Anfragen erhalte er im Jahr, berichtet Frese. „Meist handelt es sich um Themen zur Familiengeschichte“, sagt Brüne. Eng sind die Beziehungen zur Diemelseer Bezirksgruppe des Waldeckischen Gesichtsvereins.

Ein Raum mehr

Im Frühjahr erhält das Archiv mehr Platz: Die Gemeinde will aktuelle Akten ausräumen und in der ehemaligen Gefrieranlage lagern. Der Bauhof habe die Räume schon renoviert und Regale aufgestellt, berichtet Bürgermeister Volker Becker. Das Archiv habe so künftig einen Raum mehr. „Es wird Zeit, dass es Platz kriegt.“ Schließlich wüchsen sie Bestände weiter, aus der Bevölkerung komme das eine oder andere noch hinzu. Becker lobt die Arbeit der Ehrenamtlichen: „Wir sind froh, dass die Dokumente für die Nachwelt erhalten bleiben.“

Das Diemelseer Gemeindearchiv ist in der Regel freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

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