Tierarzt und Ordnungsamt retten ein Reh aus einem Garten am Nordwall

Bock auf Hansestadt

+
Frank Merhof (links) und Dr. Thomas Liedtke haben den einjährigen Rehbock in einem Garten am Nordwall gefangen.

Korbach - Ein junger Rehbock beschäftigte am Montag Polizei, Tierarzt, Behörden und Forstamt gleichermaßen: Das Tier hatte sich auf einen Sprung mitten in die Stadt verirrt - und wurde am Ende mit herzhaftem Einsatz gerettet.

Michael Nagel traute am Montagmorgen seinen Augen nicht. Gegen halb sieben schaute er aus dem Fenster am Nordwall 21 und erblickte im Garten hinter dem Haus ein Reh. Was tun? - Achselzucken. Am besten die Polizei anrufen.

Die Polizei wiederum informierte den Korbacher Tierarzt Dr. Thomas Liedtke, der gegen 7.45 Uhr schließlich am Nordwall eintraf und die Lage sondierte: Tatsächlich, auf dem ausgedehnten benachbarten Gartengrundstück zwischen der alten Stadtmauer und der Häuserzeile zur Straße am Nordwall sprang ein junger Rehbock über den grünen Rasen.

Was tun? - Vielleicht das scheue Tier mit einem Netz einfangen, die Feuerwehr anrufen, mit dem Jagdaufseher in Verbung setzen? Viele Fragen, die Lage schien verzwickt. Zumal das Gartengrundstück mit Zaun und hoher Hecke zur Stadtmauer hin schier unüberwindbar abgeriegelt ist. Der Rehbock konnte also nur des Nachts oder am frühen Morgen vom Nordwall aus über den Hof in die Gärten gesprungen sein.

Liedtke verabschiedete sich zunächst einmal. Die Tagesarbeit rief. Bianca Verlage und Jutta Nagel, Mitarbeiterinnen der Firma RUKA am Nordwall 21, blieben derweil am Ball. Sie machten sich Sorgen um das Reh - aber auch um Auto- oder Motorradfahrer. Wenn der Rehbock am helllichten Tag zurück durch den Garten auf die Straße spränge, dann könnte das gefährlich werden.

Wer kümmert sich um ein Reh in Nachbars Garten?

Gegen 10.30 Uhr alarmierten Bianca Verlage und Jutta Nagel das Korbacher Ordnungsamt. Ein Reh im Garten, mitten in der Stadt? „Hmm, das haben wir nicht so oft“, hieß es im Rathaus. Die Ordnungsbehörde werde sich mit dem Jagdaufseher in Verbindung setzen. Schließlich kam die Empfehlung aus dem Ordnungsamt: Gartentore öffnen - und den Dingen im wahrsten Sinne ihren Lauf lassen.

Der Gartenbesitzer wurde informiert, öffnete ein Tor nach hinten zum Wollweberturm hin. Doch dort parkten reichlich Autos, und ein Stück weiter vorm Gebäude der CDU-Geschäftsstelle in der Hagenstraße war gerade eine Baufirma am Werk. Diesen Ausweg übers Pflaster Richtung Amtsgericht würde der scheue Rehbock tagsüber wohl kaum wählen.

Am Nachmittag schließlich avancierten Liedtke und zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts zu den Helden des Tages: Kai Jebsen wachte zunächst über den Garten, dann ging er mit seinem Kollegen Frank Merhof und Tierarzt Liedtke ans Werk, den jungen Rehbock einzufangen. Behende sprang das Tier von links nach rechts und zurück durch den Garten, dann griffen Liedtke und Merhof unter Büschen beherzt zu. An den Läufen trugen sie gegen 16 Uhr den Rehbock aus dem Garten - und Liedtke chauffierte das wilde Tier aus der Stadt, um es wieder im Wald auszusetzen.

Verletzungen trug das Tier nicht davon, nur die Retter hatten kleine Blessuren: „Dicke Lippe“, deutete Liedtke schmunzelnd auf sein Gesicht.

Von Jörg Kleine

Kommentare