Freilichtbühne Korbach beendet am Wochenende Spielzeit – damit verabschieden sich auch drei Tiere

Brotlose Kunst ist einfach nicht drin

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Harmonie statt Gezerre und Geschiebe. Für Harald Fedder ähnelt die Beziehung zu seinem Pferd Pogo einem guten Tanzpaar.

Korbach - Wenn der Braune auftritt, lassen die Augenpaare der Zuschauer nicht mehr von ihm ab. Das Pferd Pogon hat sein Publikum auf der Freilichtbühne Korbach in diesem Sommer fasziniert - am Samstag tritt er das letzte Mal in dem Stück „Zoff in Silver City“ auf. Zeit für ein Interview mit diesem Pferd, sein Besitzer Harald „Harry“ Fedder dolmetscht.

. Lampenfieber scheint Pogon, den alle nur Pogo nennen, nicht zu kennen. Keine Stunde mehr bis zu seinem Auftritt und der Araber-Wallach betreibt seelenruhig Rasenpflege hinter der Bühne im Schießhagen. Aber diese grasende Gelassenheit täuscht. Er sei kurz vor dem Auftritt schon etwas unkonzentrierter und zappeliger, teilt er über seinen Besitzer mit. „Dann brauche ich jemanden, der mir sagt, Junge es ist alles gut, wir kriegen das schon hin. Außerdem muss ich mich vor dem Auftritt oft noch mal erleichtern, das macht ihr Menschen doch auch nicht anders.“

Pogo und Harry haben eine Vereinbarung miteinander getroffen, sobald er ihm das Halfter über den Kopf streift, ist es vorbei mit Fress- und Freizeit, dann wird gearbeitet. Brotlose Kunst ist nicht drin.

Der Vierbeiner weiß, dass er nicht zum Vergnügen bei den Fedders im Edertal im Stall steht. Er ist Mitverdiener. Wie hoch ist die Gage in Korbach? Schulterzucken bei Harry. Über Geld redet auch kein Pferd und sein Besitzer bleibt weiterhin stumm. Nur so viel geben Ross und Reiter preis: „Mein Besitzer kann es sich nicht leisten, mich als Hobby zu halten, deshalb muss ich mir meinen Lebensunterhalt selber verdienen, durch Rinder und Schafe treiben, Reitershows oder eben als Schauspieler.“ Pogo hatte in dieser Saison sogar zwei Bühnenengagements. Neben Korbach galoppierte er im Juli auch bei der Nibelungen-Aufführung des nicht unbekannten Regisseurs Dieter Wedel in Worms mit.

Welche Rolle war anspruchsvoller? „Die in Korbach, in Worms musste ich nur im Kreis laufen, bei dem Stück in Korbach jage ich mit Harry einen Banditen und fange ihn mit dem Lasso ein, Harry springt ab und ich muss dann trotz Schießerei stehenbleiben. Eine künstlerisch sehr anspruchsvolle Szene. Dafür ernten wir immer viel Applaus.“

Diese laute und unruhige Szene plus Händeklatschen hat das Double von Pogo nicht ausgehalten. Das Pferd, das den Araber wegen seiner Auftritte in Worms in Korbach kurzzeitig vertreten hat, blieb bei einer Aufführung nicht stehen, sondern nahm Reißaus, lief den Gang hinauf fast bis zum Rathaus, dort hielt es ein aufmerksamer Passant kurz vor der Zebrastreifenüberquerung fest. „Das Publikum war begeistert von dieser Szene, die Pferdebesitzerin hatte Panik und wir mussten weiterspielen, so als ob nichts passiert wäre, Show must go on“, erinnert sich der Schauspieler und Vereinsvorsitzende Volker Thielemann an diese brenzlige Situation.

Pogo ist das erste echte Tier, das eine Rolle auf der Korbacher Freilichtbühne bekommen hat. Hinzu gesellten sich zufällig noch zwei Pommerngänse namens Requi und Site, die sich als Statisten auf der Bühne bewegen sollten. Die Vizevorsitzende Sabine Lessing hatte das Federvieh ins Ensemble eingeschleust, weil sie auf der Bühne nicht mit einer Plastikgans spielen wollte.

In jungen Jahren ein Wüterich

Die jungen Daunenträger hatten in den Proben und ersten Aufführungen die Lacher noch auf ihrer Seite, doch nun sind sie ausgewachsen und der Gänserich fällt ständig aus Rolle. Aus dem friedlichen Watschelgänger, ist ein gewalttätiger Angreifer geworden, das bedeutete für Requi und Site den Rauswurf aus der Theatergruppe. Doch sie werden nie im Kochtopf landen, dafür hat Sabine Lessing gesorgt und für die Gänse in Sachsenberg ein neues Zuhause auf Lebenszeit gefunden.

Dass auch Pogo mal aus der Rolle fallen könnte, daran glaubt Fedder nicht. Allerdings war auch der kleine braune Araber in jungen Jahren ein Wüterich, der als unreitbar galt. Eine Zeitungsanzeige hat die beiden 1996 zusammengebracht. Pogo, der wilde Sechsjährige, hatte schon eine weiter Reise hinter sich: Nach seiner Geburt in der russischen Stadt Terek (Kaukasus) wurde er nach Holland verkauft und von dort gelangte er an den deutschen Niederrhein. Fedder holte ihn nach Hessisch Lichtenau, wo er mit seiner heutigen Ehefrau auf einem Aussiedlerhof wohnte und seine Firma Cattle-Drive-Team aufbaute.

Direkt an den Hof grenzte ein Truppenübungsplatz, wo Manöver stattfanden. Vermutlich habe sich Pogo durch die ständige militärische Knallerei diese Schussfestigkeit erworben, die er auf der Bühne unbedingt benötige, vermutet sein Besitzer.

Die 90er-Jahre waren auch die Anfangszeit der Pferdeflüsterer in Deutschland und tatsächlich schaffte es Fedder durch Kursteilnahmen, dass Pogo ihn freiwillig auf seinen Rücken ließ. Er habe auch viel von seinem Pferd gelernt, betont Fedder. Und was? „Sich fair zu verhalten.“

Er vergleicht die Beziehung zu seinem Pferd mit einem Tanzpaar, entweder sei das ein Gezerre und Geschiebe oder es harmoniere. „Wenn einer von beiden nicht richtig mitmacht, passt es nicht zusammen.“ Pogo und Harry haben hervorragend tanzen gelernt. Sie bieten bundesweit Tierhaltern an, ihre Herden, egal ob Rind oder Schaf, zu sortieren und separieren. Die Schauspielerei hat sich dann eher zufällig ergeben.

Das Engagement in Korbach kam durch eine Pferdehalterin und ehemalige Arbeitskollegin von Volker Thielemann zustande, und auch Worms wurde über Mund-zu-Mund-Propaganda möglich. „Pogo, hast du überhaupt Spaß an der Bühnenpräsenz oder bedeutet es nur Stress für dich?“ „Man sagt meiner Rasse nach, Araber sind für alles zu haben und zu nichts zu gebrauchen.“ Ach so.

Sein Reiter macht den Spaß daran fest, dass „sobald die Musik oder ein festes Zeichen zum Auftritt ertönt, dann ist Pogo voll da“. Davon kann sich der Zuschauer bei der Abschiedsvorstellung am Samstag (20 Uhr) ein letztes Mal selbst überzeugen. Vielleicht findet sich ja für Pogo und Harry auch in der kommenden Spielzeit wieder ein Platz auf der Bühne, in Korbach, Worms oder anderswo.

Das Familienstück der „Der kleine Vampir“ wird am kommenden Sonntag (14 Uhr) ebenfalls zum letzten Mal gespielt.

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