Korbach

Von Brüderlichkeit und Altruismus

- Korbach (gl). Als Horst Arnold (59) vor zwei Jahren auf eine 
Nierenspende wartete, ahnte er nicht, dass sein Leiden schon bald vier seiner Brüder auf den Operationstisch bringen würde.

Bereits seit 1999 wusste Horst Arnold, dass er an 
einem irreparablen Nierenschaden litt. Damals waren 
sein Bluthochdruck und hohe Eiweißausscheidungen aufgefallen. Moderne Medikamente halfen ihm, bis ins Jahr 2008 hinein ein weitgehend normales Leben zu führen. Vor knapp zwei Jahren aber begann sich sein gesundheitlicher Zustand rapide zu verschlechtern. „Er hat immer gesagt, es geht ihm gut, aber man hat gesehen: das stimmt nicht“, sagen seine Brüder heute. Sie müssen es wissen, denn sie sehen Horst Arnold regelmäßig – und waren seine Lebensretter. 2008 war klar: Horst muss an die Dialyse, und zwar regelmäßig. Keine schöne Vorstellung für einen Menschen, der gerne mal für ein paar Tage angeln fährt und regelmäßig bei Continental arbeitet. Er stand zwar bereits auf der Organ-Empfänger-Liste von EuroTransplant, über die Organspenden zwischen einigen europäischen Ländern verteilt werden, doch die Liste war sehr voll. Das Problem: während in einigen Ländern alle Menschen automatisch Organspender sind, es sei denn, sie erklären das Gegenteil, sind Organspenden im größten Eurotransplant-Mitglied Deutschland freiwillig. So profitiert Deutschland von der Gesetzgebung anderer Länder, die Gesamtzahl an Spenden reicht aber nicht aus, um die Wartelisten kurz zu halten. So musste auch Horst Arnold lange warten, die Dialyse war die einzige Möglichkeit zur Überbrückung – bis er im Fernsehen einen Bericht über Ivan Klasnic sah. Der ehemalige Stürmer von Werder Bremen hatte nach seiner Nierenerkrankung im Jahr 2007 eine Lebendspende seiner Mutter erhalten, das Organ aber abgestoßen, lebt jetzt mit einer weiteren gespendeten Niere seines Vaters und ist noch immer aktiver Profi-Fußballer.Klasnics Lebensweg brachte Horst Arnold auf die Idee, seinen Arzt auf Lebendspenden anzusprechen, dieser war sofort begeistert von der Eigeninitiative und nahm Kontakt zum Klinikum Marburg auf. Das Klinikum wollte mehr als einen Spender, denn eine Reihe von Untersuchungen war nötig, bei der immer wieder mögliche Kandidaten aussortiert werden, etwa weil Blutgruppen nicht passen oder beim Spender Krankheiten vorliegen. Zwei seiner Brüder meldeten sich sofort: Karl-Heinz und Holger. Karl-Heinz ließ sich bei einer hausärztlichen Routineuntersuchung besonders auf die Nierenwerte untersuchen und erlebte einen Schock: Wegen jahrelang unbemerkten Bluthochdrucks waren auch seine beiden Nieren massiv geschädigt. Für Horst Arnold blieb nur noch Bruder Holger als Spender, für Karl-Heinz begann ein halbes Jahr geprägt durch regelmäßige Dialyse, Untersuchungen und die Suche nach einem für ihn passenden Spender. Während sich Holger und Horst auf ihre Eingriffe vorbereiteten, boten sich Karl-Heinz die Brüder Klaus, Herbert und Rainer als Spender an. Klaus fiel schnell raus: Jahrelang nahm er schon Blutdruckmedikamente ein, ihn auf eine Transplantation einzustellen hätte Monate gedauert. Herbert schien die nächste logische Wahl. Wie schon wenige Monate zuvor bei Horst und Holger ließen die beiden Brüder im Marburger Universitätsklinikum eine Woche lang alle möglichen Tests über sich ergehen, alle sahen sie sehr positiv aus. Dann auch hier eine böse Überraschung: In der letzten Untersuchung stellte sich plötzlich heraus, dass Herbert einen noch verkapselten Nierentumor hat. Statt als Spender infrage zu kommen, musste er bereits vier Tage später selbst operiert werden. Heute geht es ihm wieder gut, wäre der Tumor ausgebrochen, hätten seine Überlebenschancen extrem schlecht ausgesehen. Karl-Heinz’ vorerst letzte Alternative war der Bruder Rainer. Auch hier liefen alle Tests positiv, diesmal ohne böse Überraschung. Rainer wurde, wie vorher auch schon Holger, medizinischen und psychologischen Tests unterzogen und musste vor einer Ethikkommission Rede und Antwort stehen. Dann war er als Spender zugelassen. Die Operationen im Abstand von nur wenigen Monaten verliefen bei beiden Nierenpatienten reibungslos, die Brüder fühlten sich im Marburger Klinikum gut aufgehoben und bestens umsorgt. Eine Abstoßungsreaktion bei Karl-Heinz konnte rechtzeitig festgestellt werden, mit neuen Medikamenten lebt er jetzt fast wie vorher, ist Anfang April sogar wieder in seinen Beruf eingestiegen. Auch der Erstpatient Horst sagt heute: „Wenn ich keine Medikamente nehmen würde, könnte ich denken, ich hätte das alles nur geträumt.“ Auch den Spendern, die für ihre Brüder die wahren Helden sind, geht es gut, sie geben sich bescheiden. Sie erfahren sehr viel Wertschätzung, aber wollen nicht „jeden Tag mit dem Blumenstrauß empfangen werden“. Bis auf Herbert, der an Krebs litt, haben sich alle Brüder einen Organspendeausweis zugelegt. Sie wissen jetzt, wie wichtig so ein Organ – auch das eines Verstorbenen – für andere sein kann.

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