Gemeinwohl vor Einzelinteressen: Bürgerinitiative fordert Umdenken der Gemeinde

700 Bürger gegen Windräder

Diemelsee - Mehr als 70 Windräder drehen sich in der Gemeinde Diemelsee. Kommen weitere hinzu, ist die Belastungsgrenze für Mensch und Natur überschritten, sind die Vertreter der Bürgerinitiative überzeugt. Sie wehren sich daher gegen weitere Anlagen – insbesondere im Naturpark Diemelsee.

„Wir sind nicht grundsätzlich gegen die regenerative Energiegewinnung und auch nicht gegen Windkraftanlagen“, stellt Jürgen Schröder (Rhenegge) am Mittwochabend in Adorf klar. „Aber wir sind für eine gleichmäßige Behandlung der Gemeinden und in Diemelsee stehen mehr als zehn Prozent aller hessischen Anlagen.“ Die Bürgerinitiative protestiert daher seit mehreren Wochen gegen das Vorhaben der EWF-Tochter VEW, auf einer Fläche zwischen Rhenegge, Heringhausen und Adorf acht bis zehn weitere Mühlen zu errichten. Sie wären die ersten im Naturpark. Windkraft versus Tourismus „700 Unterschriften gegen Windräder im Naturpark haben wir bislang gesammelt“, berichtet Dr. Almut Finke-Hain (Rhenegge). „Dabei geht es nicht nur um Rhenegge, sondern auch um Flächen in Sudeck oder Stormbruch, die folgen könnten“, ergänzt Schröder. Die BI-Mitglieder fordern in Anbetracht des Protests ein Umdenken der gemeindlichen Gremien: Um ihre Forderung zu untermauern, haben sie Argumente aus vier Feldern zusammengetragen: Politik: „Bei Fassung des Aufstellungsbeschlusses zur Änderung des Flächennutzungsplans konnten die Entscheider noch nicht mit einem derart großen Bürgerprotest rechnen“, verweist Schröder auf den Parlamentsbeschluss, der seit Februar den Weg für weitere Windräder in Diemelsee freimacht. „Diesen Protest muss man nun ernst nehmen, denn 700 mündige Bürger sind knapp 20 Prozent der Wahlberechtigten“ (Anm. d. Red.: Bei der Kommunalwahl 2011 gab es 4078 Wahlberechtigte, sodass 700 Bürger rund 17 Prozent entsprechen). „Es erzürnt, dass einige wenige aus finanziellen Gründen dafür sorgen wollen, dass unser Landschaftsbild zerstört wird“, sagt Schröder und fordert, klar zwischen Gemeinwohl und Einzelinteressen der in der Rhene-Diemel-Wind GbR zusammengeschlossenen Grundstückseigentümer zu trennen. Es könne nicht im Sinne der Kommunalpolitiker sein, dass die Windkraft die Gemeinde spalte. Wirtschaft: „Natürlich stellen wir uns erheblichen Investitionen entgegen“, erklärt Heinrich Hain. Eine Riesen-Mühle kostet mehrere Millionen Euro. Die von der Gemeinde erhofften Einnahmen hätten die bisherigen Anlagen allerdings nicht erbracht und auch künftig solle nicht zu viel erwartet werden, „da die Betreiber ihren steuerlichen Gestaltungsspielraum nutzen werden“. „Die Mühlen schaffen außerdem keinen einzigen Dauerarbeitsplatz. Im Gegenteil: Sie beeinträchtigen den Ausbau des Tourismus.“ Die Gemeinde müsse sich entscheiden, welche Richtung sie in Zukunft einschlagen wolle, fordert der Rhenegger. „Am Ende steht die Abwägung zwischen wirtschaftlichen Interessen sowie Natur- und Landschaftsschutz und dem damit verbundenen naturnahen Tourismus.“ Naturpark frei halten Gesundheit: Auf die laut Robert-Koch-Institut noch nicht ausreichend erforschten Auswirkungen des nicht hörbaren Infraschalls weist Dr. Almut Finke-Hain hin. Studien deuteten zum Beispiel auf Schlaf- und Konzentrationsstörungen hin. l Naturschutz: siehe weitere Texte. Um Mensch und Natur in Diemelsee vor Überlastung zu schützen, fordern die BI-Mitglieder folglich, den Naturpark durch entsprechende Parlamentsbeschlüsse frei von Windrädern zu halten. Hain: „Nicht zuletzt die riesigen Anlagen am Martenberg haben dazu beigetragen, dass sich die Stimmung geändert hat. Es reicht.“Übergabe an Kubat Im nächsten Schritt will die BI mithilfe selbst errechneter Visualisierungen (Foto) über die von ihr befürchtete Veränderung des Landschaftsbildes informieren und weitere Unterschriften sammeln. Geplant ist, diese am 29. August in Rhenegge an Landrat Dr. Reinhard Kubat zu übergeben. Kubat ist dabei, wenn die Vertreter der VEW und der Rhene-Diemel-Wind GbR den Flächennutzungsvertrag für den geplanten Windpark bei Rhenegge unterzeichnen. Almut Finke-Hain resümiert ernüchtert: „Eigentlich hatte VEW versprochen, die Bürger mitzunehmen und ausreichend zu informieren.“

Naturschützer lehnen Park ab

Im Namen des NABU-Kreisverbandes sowie des örtlichen Arbeitskreises der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) erklärt Wolfgang Lehmann, warum die Naturschützer den Windpark im Naturpark bei Rhenegge ablehnen: Lebensqualität und Natur seien durch die zahlreichen Anlagen bereits stark beeinträchtigt. Ein Beispiel sei der Vogelzug auf der Vasbecker Hochfläche. Beim Bau weiterer Anlagen würde die Belastungsgrenze für Einwohner, Gäste, Tiere und Pflanzen endgültig überschritten. Dort, wo die neuen Mühlen geplant sind, ist die Natur laut Lehmann besonders schützenswert. Quellen, Brutgebiete gefährdeter Vogelarten, das Naturschutzgebiet Mühlenberg sowie Reviere bedrohter Fledermausarten liegen im oder in unmittelbarer Nähe des Planungsgebiets. Die Fläche würde „völlig entwertet“, nicht zuletzt weil „enorme Erdbewegungen“ nötig seien. „Ebene Flächen für die Fundamente der Windräder fehlen“, erklärt der Korbacher. „Den Bemühungen des Naturparks, den Wandertourismus zu stärken, würde ebenfalls ein Schlag versetzt“, verweist er darauf, dass der zertifizierte Diemelsteig auf dem Weg zwischen See und „Grube Christiane“ durch das Gebiet verläuft. Lehmann warnt: „Wenn über das sinnvolle Maß hinaus gebaut wird, setzt die Gemeinde die Akzeptanz für erneuerbare Energien aufs Spiel.“ Schon heute müssten einige Anlagen bei guten Windverhältnissen abgeschaltet werden, weil das Leitungsnetz überlastet sei. Damit in Zukunft dort gebaut werde, wo Bedarf bestehe, appellierten die Naturschutzverbände erneut an Kreis und EWF, Projekte gemeinsam zu entwickeln.(nv)

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