Erster Energiegipfel in Korbach: Knackpunkte und Chancen einer Energiewende diskutiert

Bürgerparks für Windenergie schaffen

Korbach - Ein breiter Konsens bei den Zielen der Energiewende, aber unzählige Konflikte bei der konkreten Umsetzung vor Ort, um diesen gordischen Knoten ein wenig aufzudröseln hatte der grüne Landtagsabgeordnete Daniel May zum ersten Waldeck-Frankenberger Energiegipfel geladen.

Im Verlauf der Veranstaltung gingen sieben Experten mit Entscheidungskompetenzen auf dem Podium und zahlreiche aktive Bürger mit großem Detailwissen die Hindernisse an und versuchten Blockaden zu lösen oder die Bremser zu benennen und die vorerst nicht zu schließenden Effektivitätslöcher zu markieren. Zur Eröffnung beschrieb Initiator Daniel May das Konfliktfeld zwischen allgemeiner Akzeptanz der Energiewende, die bei 80 Prozent liege, und der Umsetzung vor Ort, bei der zumeist das Sankt-Floriansprinzip greife. Bei Betrachtung der Lage im Landkreis zeigte Geschäftsführer Stefan Schaller von der EWF zunächst die engen Grenzen auf, innerhalb denen der weitere Ausbau der Windkraft innerhalb des Landreises überhaupt möglich wäre. Laut Erstem Kreisbeigeordnetem Jens Deutschendorf habe das Regierungspräsidium Kassel für Nordhessen 20 000 Hektar geeignete Fläche für Nordhessen ausgemacht und werde diese im März öffentlich machen. Deutschendorf sprach sich für die Ausweisung vonVorrangflächen aus. Der Hauptschwerpunkt in Stefan Schallers Vorstellung der Chancen und Risiken lag allerdings im Plädoyer für Windparks in Bürgerhand, die durch heimische Investoren und Kreditinstitute finanziert werden sollten. Denn nur so bliebe die Wertschöpfung in der Region, gleichbedeutend mit geringeren Akzeptanzproblemen. Die maßgeblichen Institutionen in Waldeck-Frankenberg, Kreis, EWF und Kreditinstitute würden längst diese zukunftsorientierte Strategie verfolgen, die den Grundstücksbesitzern auf lange Sicht zuverlässige Einkünfte beschere. Trotzdem sei nicht auszuschließen, das Einzelne dem Lockruf des Geldes externer Investoren erliegen würde, die, zumindest kurzfristig mit höheren Zahlungen werben könnten. Diemelsees Bürgermeister Volker Becker, dessen Gemeinde in Sachen Windenergie klarer Vorreiter gewesen war und beim Verhältnis Energieproduktion und Export die Energiewende bereits vollzogen hat, zeigte sich trotzdem alles andere als zufrieden mit der Bilanz der „Energieregion Nummer 1“, die ungefähr sechs mal so viel produziert, wie sie selbst benötigt. Alle Anlagen für erneuerbare Energien in Diemelsee würden 116 980 Kilowatt Strom produzieren, von denen 18 600 von den Bürgern verbraucht werden. Akzeptanzprobleme bei den Bürgern Bürger wie in Rhenegge, wo zehn weitere Windräder in den Naturpark gestellt werden sollen, seien nur ein Teil des Problems. Viel schmerzhafter sei das Lehrgeld, das die Gemeinde nach wie vor für ihre Vorreiterrolle zahlen müsse: Trotz 71 Windrädern auf den Hochebenen würden nur 25 000 Euro Gewerbesteuer im Gemeindesäckel landen. Das seien nicht die einzigen Grenzen des Wachstums bei den erneuerbaren Energien, bemerkte Stefan Schaller mit Blick auf die eigenen Bilanzen. Im Vorjahr hatte die EWF für die Entsorgung vom überschüssigem Windstrom 28 Millionen bezahlen müssen, 2011 waren es noch 11 Millionen gewesen. Der Grund dafür sei darin zu suchen, dass die Nachbarn ihre Netze gegen überschüssigen Strom aus Deutschland abschotten. Die EWF arbeite derzeit an einem Verfahren auf Basis der Methode Fischer-Tropsch zur Verwandlung von überschüssigem Strom in Diesel, um das Entsorgungsproblem in den Griff zu bekommen. Ein europäisches Stromnetz zählt denn auch für die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Angela Dorn, zu den Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Energiewende, zumal Windkraft die höchsten Energieerträge bei mit Abstand geringstem Flächenverbrauch böte. Der in ihrer Darstellung etwas zu klein geschriebene Vogel- und Artenschutz rief Maik Sommerhage vom NABU Hessen auf den Plan, der Problemlage bei Schwarzstorch, Rotmilan und Co etwas differenzierter darstellte und sich dagegen verwahrte, dass der Naturschutz auch in Zeiten der Energiewende nicht mit Füßen getreten werden solle. Im Verlauf seines entschiedenen Protestes gegen einseitiges Denken streifte Sommerhage aber schnell das Bremser-Image ab, das den Naturschützern gern umgehängt wird, indem er bei der Standortsuche um frühzeitige Kontaktaufnahme mit dem NABU warb, denn in Kooperation mit ausgewiesenen Kennern von Vogelflugrouten und den Anforderungen des Artenschutzes ließen sich die Kosten für Gutachten minimieren und schneller geeignete Standorte ohne Konfliktpotenzial ermitteln. Der energiepolitischen Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen blies nicht nur von Seiten des NABU etwas Gegenwind ins Gesicht, auch die nicht allzu entschlossen wirkende Haltung des Landespartei in Sachen Fracking brachte profilierte Gegner der umstrittenen Fördermethode für Schiefergas wie Andy Gheorgiu oder Dorli Rauch auf den Plan, die allerdings ein paar bittere Pillen schlucken mussten. Der Vorrang des für Waldeck-Frankenberg überaus bedeutenden Tourismus gegenüber den Bohrrechten der Konzessionsbesitzer müsse für jeden einzelnen Punkt im Landkreis nachgewiesen werden. Mehr als die aktuell verfolgte und auch in Nordrhein-Westfalen verfolgte Strategie des Moratoriums sei aus juristischen Gründen auch in Hessen nicht möglich. Das Bergrecht könnte nur im Bundestag geändert werden, aber bislang hätten nur die Fraktion der Grünen einen Anlauf dazu unternommen, dem aus der Opposition heraus aber nur geringe Erfolgsaussichten beschieden waren. Das sei eine eindeutige Empfehlung für den Herbst, betonte Dorn. Auch sonst schob die energiepolitischen Sprecherin der Grünen sämtliche Probleme bei der Energiewende der aktuellen Regierungskoalition in Hessen und im Bund zu, eine Brise Wahlkampf in der sonst neutralen Expertenrunde. Am Ende der Veranstaltung, die keinen Reibungspunkt unter grundsätzlich Gleichgesinnten unberührt ließ, stand ein zuversichtlicher Ausblick in die kommenden Jahrzehnte. „Nordhessen ist besser als andere Regionen für die Energiewende aufgestellt“, lautete das Fazit von Holger Schach. Der Regionalmanager ging mit seinen zuversichtlichen Prognosen gar bis ins Jahr 2050, bis dahin sollen in Baunatal gebaute Elektroautos, die mit Strom aus regenerativen Energien betrieben werden, zum Alltag gehören. Gemäß den Studien des Regionalmanagers ist eine Wertschöpfung von 700 Millionen Euro möglich, wenn die Region ihren Strom selbst produzieren und nutzen würde. Eine derart enge Zusammenarbeit aller maßgeblichen Institutionen wie in Waldeck-Frankenberg in Sachen Bürgerwindparks sei in anderen Landkreisen Hessens noch Zukunftsmusik wie Angela Dorn zugab, die für ihren Landkreis Marburg-Biedenkopf einen ähnlichen Prozess in Gang setzen will. Es wird wohl nicht der letzte Energiegipfel in Waldeck-Frankenberg sein, lautete das Fazit von Daniel May.

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