„Ab dafür!“mit Gieseking

„Das Jahr des rasenden Stillstands“

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Vom Himmel stürzende Österreicher und weibliche Fixpunkte in der deutschen Politik: Gründe genug für Bernd Gieseking, selbst zum Mikro und zur Wollmütze zu greifen und den letzten Abgesang auf das alte Jahr zu rappen.

Korbach - Im 19. Jahr und mit überwiegend neuen Texten brachte Bernd Gieseking ein bestens aufgelegtes Publikum in der gut gefüllten Korbacher Stadthalle zum Lachen.

Ein Neuheitenanteil auf Rekordniveau und die anhaltende Aktualität in Sachen Christian Wulff trug viel zum Erfolg bei. Dabei betrafen die einzigen Reprisen im Vergleich zum Vorjahr den ehemaligen Bundespräsidenten, der beim vorigen Korbacher Auftritt noch im Amt war, und Giesekings Verwicklungen in gewisse historische Entscheidungen wie die Vorgeschichte zum umstritten Diktum „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Zum Abschluss seiner persönlichen causa Wulff und zur Demonstration des rasanten Wandels rezitierte Gieseking das gerade erst überholte Abschiedsgedicht an den einstigen Bundespräsidenten im Sinkflug, dem nach der Trennung des Glamourpaares, nicht mal mehr jenes Haus blieb, das gerade noch für den idealen Schlussreim des Abgesangs gut gewesen war.

Pyramiden und Präsidenten

Der Kabarettist eröffnete seinen Rückblick auf das „Jahr des rasenden Stillstands“ mit dem Geständnis, dass er mit der Einhaltung dieses Termins nicht mehr wirklich gerechnet hätte, sondern mit dem Weltende am 21./22. Dezember. Im nächsten Atemzug gelang ihm schon eine brillante Wendung zum Vergleich zwischen einst und jetzt samt Kulturkritik. Schließlich hätte die Mayas einst ihre Pyramiden gebaut, um beim Blick zu den Sternen Kalender für die nächsten 500 Jahre zu erstellen. Wenn man im Jahr 2012 gen Himmel blickte, da stürzte einem aus 39 Kilometer Höhe ein Österreicher entgegen.

Bezeichnende Differenzen bestimmten auch den weiteren Verlauf der Eröffnung des Jahresrückblicks beim Vergleich der wichtigsten Ereignisse in den USA und Deutschland, wo der neue Moderator für die Unterhaltungssendung „Wetten dass“ einen ähnlichen Stellenwert eingenommen habe wie die Wiederwahl Barak Obamas in den Vereinigten Staaten. Da die EU und damit ihre Bewohner im abgelaufenen Jahr den Friedensnobelpreis gewonnen habe, stellte ihre Bürger gewissermaßen auf eine Ebene mit dem US-Präsidenten, bei dem man bis heute ja auch nicht so recht wüsste, für welche Frieden stiftende Leistung er ihn eigentlich erhalten habe.

Doch der medial allgegenwärtige Markus Lanz schnitt auch im direkten Vergleich mit den Sendungen seines Vorgängers Thomas Gottschalk, der in schrillen Klamotten moderiert hatte, die nicht mal Oma aufgetragen hätte, kaum besser ab. Schließlich sei das digitale und analoge Sackhüpfen um das schmale Hemd Tom Hanks keine große Leistung im Vergleich mit dem Auftritten der starken Männer von einst gewesen, so Gieseking, der Rainer Calmund als schon eher angemessenere Vergleichsgröße in den Raum stellte.

Komischer Höhepunkt in der Kette der schiefen Vergleiche war zweifellos die Verbindung zwischen dem Nachwuchs im britischen Königshaus und dem Rekordtief in der deutschen Geburtenstatistik. Auch wenn die „Kinderherstellung“ ein archaischer Vorgang sei, der auf Vorgehensweisen zurückgreife, die schon im 13. und 14. Jahrhundert bekannt gewesen seien, habe Deutschland zunehmend Schwierigkeiten, sich zu reproduzieren. Handarbeit wandert immer mehr in Billiglohnländer, dazu zähle auch das Kinder zeugen, so der Kabarettist, und stellte die nahe liegende Frage nach einer geeigneten App für die notwendigen Vorgänge, anders würde es in Deutschland wohl nichts mehr dem Nachwuchs werden.

Aus „Muttis“ Nähkästchen

Unangemessene Reaktionen auf die weiblichen Fixpunkte in der deutschen Politik im „Jahr der Liebe“ bestimmten den nächsten Themenblock, schließlich war Kanzlerin Merkel trotz etlicher Hilfemilliarden im Gepäck von den Griechen als „Nazi“beschimpft wurde, während Claudia Roth als Repräsentantin des eigentlichen Wählerpotenzials der Grünen bei der Kandidaten-Urwahl abgestunken sei, dafür einen regelrechten Candy-Storm von der Grünen-Basis bekommen haben, dessen Ergebnis der Gallionsfigur prompt auf die Hüften geschlagen sei.

Als neuer Vertrauter am Telefon und damit Nachfolger der vorerst Gescheiterten Wulff und Guttenberg profilierte sich Merkel-Gatte Joachim Sauer, der in Abwesenheit von „Mutti“ regelmäßig aus dem Nähkästchen plauderte und dabei dem neuen Vertrauten von seiner Facebook-Freundschaft mit Hannelore Kraft erzählte oder enthüllte, wie man mit lautstarkem Protest gegen Joachim Gauck den Philipp Rösler genarrt habe.

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