Freitag endet für Moslems der Fastenmonat Ramadan mit dem zweithöchsten Fest ihrer Religion

„Das macht der Glaube möglich“

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Iftar: Jedes Wochenende kamen während des Ramadans zwischen 100 und 200 Moslems in die Gemeinde in der Gabelsbergerstraße. Nach Sonnenuntergang trafen sie sich dort zum Fastenbrechen.Fotos: Demski

Korbach - Das Thermometer misst rund 30 Grad. Auf der Conti laufen die Maschinen. Im Döner-Restaurant glüht der Grill. Und trotzdem: „Wir trinken und essen am Tage nicht“, sagt Mohammed Balkan. 30 Tage lang haben Moslems gefastet. Heute endet der Ramadan.

Hinter ihm liegen 26 Tage Ramadan. Mohammed Balkan isst erst, wenn die Sonne untergegangen ist und in der Nacht, bevor sie aufgeht. „Leicht ist das nicht. Schon gar nicht im Hochsommer“, sagt er, „das ist hart am Limit.“ Es ist Montagabend, und in der Korbacher Moschee herrscht trotzdem Feststimmung inmitten des Ramadans. „Lailat al-Qadr“ heißt diese Nacht auf Arabisch. Und sie ist wichtig. „Wir glauben, dass in der Nacht vom 26. auf den 27. Tag im Ramadan der Koran zu den Menschen herabgesandt wurde“, erklärt Mohammed Balkan.

Das ist Anlass genug, um gemeinsam zu feiern. Jedes Wochenende im Ramadan haben sich Menschen muslimischen Glaubens in der Moschee getroffen zum gemeinsamen Beten und zum gemeinsamen Iftar. „Wir brechen gemeinsam das Fasten“, erklärt Balkan, „eigentlich ist es weniger ein Brechen, als ein Beenden.“ Samstags und sonntags, wenn die Sonne untergegangen ist, die Uhr also etwa 21.45 Uhr zeigt, essen sie in Korbach gemeinsam. Frauen in einem Zelt. Männer in einem anderen. Mehr als 100 Moslems kommen an den Wochenenden, zum „Lailat al-Qadr“ sind es fast 200 Gläubige.

„Es geht um Vergebung und Fröhlichkeit“

Jeder von ihnen findet hier einen Platz und bekommt eine Schale mit leckerem türkischen Essen. Auch Gäste. Ihnen begegnen die Menschen mit einer Offenheit, die niemanden unberührt lässt. „Willkommen. Essen Sie mit uns!“

Während Mohammed Balkan mit seinem Sohn in der Schlange der Männer steht und Reis, Suppe, etwas Fleisch und eine süße Nachspeise bekommt, hat Türkan es sich bei den Frauen gemütlich gemacht. „Das Essen liefert ein Caterer aus Kassel“, erklärt sie. Er ist auf Iftar-Speisen spezialisiert. „Denn der Magen wird während des Fastenmonats kleiner“, sagt Türkan, „deswegen essen wir auch nach Sonnenuntergang nur leichte Speisen.“ Plötzlich wird es still. 200 Menschen schweigen, legen die Hände zum Gebet zusammen und machen es Imam Kadir Kinik nach. Er stimmt das Tischgebet an.

Dann greifen die Frauen und Männer wieder zu Gabeln und Löffeln. Auch Mohammed Balkan. „Sehen Sie sich um“, sagt er, „der Ramadan ist eine fröhliche Zeit.“ Trotz des Verzichtes. Die Gemeinschaft sei so wertvoll und gut. „Und bei der Auferstehung werden wir wieder fröhlich sein“, sagt er, „denn für Menschen, die gefastet haben, soll es im Paradies ein eigenes Tor geben.“ Und darum geht es den Moslems in der Fastenzeit - um Vergebung. „Wer im Ramadan im Namen Gottes fastet, dem werden die Sünden vergeben“, erklärt Balkan. So sagt es der Koran in Sure 2. „Also dürfen wir fröhlich sein.“

Und das gilt auch nachts um drei Uhr, wenn der Wecker klingelt und Familie Balkan kurz vor Sonnenaufgang isst. „Dann sind wir zwar alle etwas müde, aber die Zeit mit der Familie ist wertvoll.“ Gesundheitliche Bedenken hat Mohammed Balkan nicht. „Frauen, die stillen oder schwanger sind, fasten nicht“, erklärt er, „auch Kranke und schwer Arbeitende müssen nicht fasten.“ Er selbst hat sich bei der Conti für die vier Wochen Ramadan Urlaub genommen und fühlt sich fitter während dieser Zeit. „Aber andere stehen bei 65 Grad am Ofen“, sagt er, „die können nicht auf Wasser verzichten.“ Also dürfen sie das Fasten später nachholen. Und wer chronische Krankheiten hat, kann sich mit zehn Euro pro Fastentag am Ramadan beteiligen. „Das Geld wird dann einem guten Zweck gespendet“, sagt Mohammed Balkan. Wem die finanziellen Mittel fehlen, der kann es beim Beten belassen. Fünfmal am Tag beten die Moslems während des Ramadans. Dazu kommt das Nachtgebet vor Mitternacht.

Und kommt er manchmal in Versuchung? „Keiner könnte mich dazu zwingen zu fasten“, sagt Mohammed Balkan, „ich mache das für Gott.“ Glaube und Hingabe nehmen der Versuchung die Macht. „Mein Vater hat geraucht, und während des Ramadans hat er die Zigaretten weggelegt“, sagt Balkan, „Glaube macht das möglich.“ Und so spricht aus den Gesichtern beim Iftar nicht der Verzicht, sondern die Fröhlichkeit - ob bei den Jugendlichen oder den Senioren.

Heute endet der Ramadan und damit beginnt eine der fröhlichsten Zeiten im Islam. „Wir feiern drei Tage das Ramadanfest“, erklärt Balkan. Kinder bekommen schulfrei, Festgebete werden gesprochen, Tote auf dem Friedhof besucht. „Und wir frühstücken in den Familien“, sagt Mohammed Balkan. Dann stehen wieder Köstlichkeiten auf dem Tisch. Aber viel wichtiger: „Gottes Segen hat uns von der Sünde erlöst“, sagt Mohammed Balkan.

Hintergrund

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Moslems glauben, dass in diesem Monat der Koran zu den Menschen gesandt wurde. Im Koran, Sure 2, Vers 185 heißt es: „Es ist der Monat Ramadan, in welchem der Koran als Rechtleitung für die Menschen (...) herabgesandt wurde Wer von euch in diesem Monat zugegen ist, soll während seines Verlaufs fasten.“ Seit dem 7. Jahrhundert essen und trinken Moslems während dieses Monats nur nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang. Durch die Orientierung am Mond verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr um zehn Tage, so dass er im Laufe der Zeit zu unterschiedlichen Jahreszeiten statt findet. Der Monat endet heute mit dem zweithöchsten Fest der Moslems.

Von Theresa Demski

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