Auftaktabend zur Diemelseer Dorfentwicklung mit etwa 200 Besuchern

„Den Zug in die Zukunft nehmen“

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Die etwa 200 Besucher in der Dansenberghalle waren beim Auftaktabend zur Diemelseer Dorfentwicklung aufgerufen, auf Wandtafeln ihre Schwerpunkte zu benennen und zu erklären, ob sie zur Mitarbeit bereit seien. Der Andrang der Interessierten war groß.Foto: -sg-

Diemelsee - Mit dem Landesförderprogramm soll die Gemeinde für die Herausforderungen fit gemacht werden, die der Bevölkerungswandel in den Dörfern mit sich bringt.

Zwei Zahlen nannte die Soziologin Stefanie Koch vom Planungsbüro „Bioline“ am Mittwoch in der Dansenberghalle beim Auftaktabend zur Diemelseer Dorfentwicklung. Sie verdeutlichen den Trend: 1995 hatte die Gemeinde noch 6450 Einwohner. 2030 sind es nach Schätzungen des Landes nur noch 4300 – ein Minus von rund 15 Prozent.

Die Doktorandin beschrieb einen grundlegenden Wandel, der längst läuft: Derzeit ziehen mehr Menschen aus der Gemeinde weg als zuziehen. Auf eine Geburt kommen zwei Sterbefälle. Die Alterspyramide verschiebt sich: Künftig gibt es immer mehr ältere Diemelseer, die Zahl der Kinder sinkt weiter. Familienstrukturen und Infrastruktur ändern sich.

Gute Lebensqualität sichern

All das hat Auswirkungen auf das Leben in den Dörfern. Schon jetzt mehren sich Gebäudeleerstände, Geschäfte schließen. Das hessische Dorfentwicklungsprogramm will gegensteuern und dazu beitragen, dass Dörfer auch künftig eine möglichst hohe Wohn- und Lebensqualität aufweisen und gute „Arbeitsstandorte“ sind. Außerdem soll „lokale Baukultur“ bewahrt werden, gerade Fachwerk. Gab es bisher die Dorferneuerung in einzelnen Dörfern, wird im neuen Programm die gesamte Gemeinde gefördert.

Was soll bewahrt werden, was sich ändern? Welche öffentlichen Einrichtungen müssen bleiben? Wie sieht es aus mit der Grundversorgung? Stichworte Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten. Welche Einrichtungen fehlen? Ob für Jugendliche, junge Familien oder Senioren. Das sollen die Diemelseer gemeinsam festlegen, in der Diskussion „Zukunftschancen“ für ihre Dörfer und die gesamte Gemeinde entwickeln. Das „Bioline“-Team begleitet sie dabei als Moderatoren. Geschäftsführer Bernd Wecker rief auf zum „vorausschauenden Handeln“. Es gelte, „voneinander zu lernen“: Gute Ideen aus Dörfern sollten übertragen werden.

„Wir müssen den Zug in die Zukunft nehmen“, rief Bürgermeister Volker Becker. Er lade alle ein, sich Gedanken über das Leben in den 13 Diemelseer Ortsteilen zu machen, die Entwicklung von Landwirtschaft, Handel, Handwerk und Gewerbe. „Alle sollten sich einbringen und engagieren.“ Das Programm biete zudem Chancen für Privatleute, die Förderungen für Haussanierungen, den Umbau oder den Abriss leerstehender Gebäude erhielten.

„Hoffe auf viele Ideen“

„Ich hoffe auf viele Diskussionen, viele Ideen und viel Harmonie“, sagte Becker. „Wir haben die Gelegenheit, zu gestalten.“ In den nächsten zehn Jahren gelte es, die Gemeinde für die nachfolgenden Generationen „interessant zu machen“.

In der ersten Phase komme es darauf an, ein „Integriertes Kommunales Entwicklungskonzept“ (IKEK) auszuarbeiten. Es sei der „Fahrplan“ für die nächsten zehn Jahre, beschrieb „Wecker, definiere Ziele und Projekte, die das Land fördert. Er rief die Diemelseer aller Altersgruppen zur Mitarbeit auf: „Sie müssen es erarbeiten, wir sind nur Ihre Trainer.“ In der zweiten Phase gehe es um die Umsetzung der Projekte.

Den zeitlichen Ablauf erläuterte die Regionalentwicklerin Josephine Lenk:

Im Vorfeld hat „Bioline“ bei einer „Bestandserfassung“ schon Daten über die Gemeinde und ihre Ortsteile erhoben. Diese Datensammlung hing am Mittwoch in der Halle aus.

Am Mittwoch war der Auftakt, bei dem die Besucher schon einmal ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bekunden sollten. Außerdem gaben sie an, was für sie „für ein gutes Leben in Diemelsee“ wichtig sei und was Arbeitsschwerpunkte des Entwicklungsprogramms sein könnten.

Im April und Mai sind Termine in jedem Dorf geplant, wozu auch Gespräche mit den Ortsvorstehern und Dorfrundgänge gehören. Ziele: Nach einer Bestandsaufnahme sollen die Einwohner die Stärken und Schwächen ihres Dorfes analysieren, Chancen benennen und schließlich die Projekte für die Fortentwicklung festlegen. „Sie sollen die Zukunft des Dorfes mitgestalten und mitentscheiden, was für Sie wichtig ist“, sagte Lenk. „Sie sollen Ideen und Schwerpunkte entwickeln und klären, wo Möglichkeiten zur Zusammenarbeit entstehen.“

Am 13. Mai beginnt um 19.30 Uhr in der Dansenberghalle eine „Night of Sports and Beats“ für Jugendliche. Für sie gibt es einen eigenen Termin, weil die Dörfer gerade für die folgenden Generationen attraktiver gemacht werden sollen. Vorgesehen sind Hallenspiele, viel Musik und die Gelegenheit, eigene Ideen zu diskutieren oder fehlende Einrichtungen zu benennen.

Im Mai und Juni werden die Beratungen in den Ortsteilen fortgesetzt. Die Gemeindeverwaltung und -vertreter werden parallel dazu über Ergebnisse informiert.

Im Juli folgen für die gesamte Gemeinde voraussichtlich vier „IKEK-Foren“ mit thematischen Schwerpunkten. Dabei werden Arbeitsergebnisse aus den Dörfern auf Gemeindeebene zusammengeführt und Projekte umrissen.

Im August trägt das Team von „Bioline“ die Arbeitsergebnisse zusammen und schreibt den Konzeptentwurf.

Im September wird der Entwurf nach den Sommerferien öffentlich präsentiert und zur Diskussion gestellt. Auch das Gemeindeparlament muss über das Konzept noch beraten. Dann geht es nach Wiesbaden.

Voraussichtlich im November gibt es einen Abschlussabend. Dabei wird das Konzept an Vertreter der landeseigenen Wirtschafts- und Infrastruktur- (WI-)Bank übergeben – sie bewilligt die Fördergelder.

In den folgenden neun Jahren bis 2025 werden die beschlossenen Projekte umgesetzt. Bauvorhaben von Privatleuten werden ab Sommer gefördert.

Förderung für Private

Matthias Görge vom Fachdienst Dorf- und Regionalentwicklung der Kreisverwaltung stellte die Fördermöglichkeiten für Privatleute vor. Eine kostenlose Beratung bietet die Architektin Ute Friedrich aus Marienhagen an. Die wichtigsten Punkte hat Görge in einem Flyer zusammengestellt. Volker Becker regte an, ihn an alle Haushalte zu verteilen. Für Wecker war es am Mittwoch ein vielversprechender Beginn mit rund 200 Besuchern – er stellte fest: „Das ist der bestbesuchte Auftakt zur Dorfentwicklung aller Zeiten.“

Für die Dorfentwicklung hat das Büro „Bioline“ eine eigene Internetseite angelegt, unter www.de-diemelsee.de werden alle Termine und Ergebnisse veröffentlicht.

Von Dr. Karl Schilling

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