Vöhl

„Der Ort gehört zu unserer Geschichte“

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- Vöhl (resa). Mehr als 80 Jahre nachdem seine Mutter Vöhl verlassen hat, kehrt Michael Dimor mit seiner großen Familie zurück. Zwei Tage lang suchen sie die Spuren ihrer jüdischen Vorfahren – mit Unterstützung von Zeitzeugen und Geschichtsfreunden.

Nachdenklich sitzt Michael Dimor in der ersten Stuhlreihe in der Synagoge. Über ihm spannt sich der blaue Sternenhimmel des jüdischen Gotteshauses, die Sonne wirft einige Strahlen durch den gläsernen Davidstern. Später wird Michael Dimor sagen, er sei kein besonders emotionaler Mensch, er betrachte die Dinge sachlich. In diesem Moment aber steht er auf, tritt vor seine Frau, seine Tochter und die drei Enkelinnen und betet hebräische Zeilen. Sie erinnern an die Opfer des Holocausts, den die Juden „Schoah“ nennen. Als seine Stimme bricht, tritt Ehefrau Dalia neben ihn und liest weiter. Es ist eine aufwühlende Begegnung mit ihrer eigenen Familiengeschichte, der sich die Dimors an diesem Tag stellen. Eine Begegnung mit Großvater Moritz Mildenberg, der in Vöhl zu Hause war, seinen Enkel aber nie kennengelernt hat. „Er soll ein lustiger Mann gewesen sein“, hat Vöhls Ortsvorsteher Karl-Heinz Stadtler herausgefunden, „auf Feiern hat er für Unterhaltung gesorgt.“ 1924 verließ er seine Frau, seine Kinder und Vöhl.

Seine Spuren verfolgt Michael Dimor nach seinem Besuch in der Vöhler Synagoge und auf dem jüdischen Friedhof weiter nach Sachsenhausen. Zeitzeugen warten hier auf den Besuch aus Tel Aviv und erzählen von einer kleinen Sensation. Während die Nazis 1945 bereits alle Juden, die in Hessen geblieben waren, deportiert hatten, blieb einer zurück: Moritz Mildenberg. „Er lebte bei uns bis 1945“, erzählen die Sachsenhäuser, „hier versteckte ihn die Familie Grebe.“ Berührt staunt Michael Dimor über die Wendung der Geschichte. „Er war doch einer von uns“, sagen die Menschen in Sachsenhausen. Sie alle waren damals Kinder, Moritz Mildenberg ein alter Mann. Er habe auf den Feldern gearbeitet, Vieh gehandelt und nie den gelben Davidstern getragen. „Er hatte immer einen Strohhalm im Mundwinkel“, sagt einer schmunzelnd.

Im kalten Winter 1945 starb der letzte Jude im Ort an einem Herzinfarkt. „Mein Vater hat ihn mit seinem Wagen zur Beerdigung gefahren“, sagt einer der Zeitzeugen. Nur einer sei damals mit schwarzem Zylinder und im Frack dem Trauerzug gefolgt: Greben Heinrich, der seinen ehemaligen Nachbarn in seinem Haus versteckt gehalten hatte. „Wir anderen lagen in den Büschen und schauten zu“, erzählt ein anderer. „Hatten wir Angst und trauten uns nicht?“, fragt er in die Runde. Eine Stunde später steht Michael Dimor zum ersten Mal am Grab seines Großvaters in Sachsenhausen. Seine Spurensuche endet hier nicht.

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