Theaterstück „Die Welle“ konfrontiert Korbacher Schüler mit Manipulation

„Die Gefahr steckt in jedem von uns“

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„Die Welle“: In der Stadthalle nahmen die Schauspieler des Ensembles „Theater auf Tour“ ihre jugendlichen Zuschauer mit in eine Welt der Unterdrückung, Disziplin und Autorität – aus Individuen werden Soldaten.

Korbach - Bedrückendes Theater zum Nachdenken stand gestern für viele Korbacher Schüler auf dem Stundenplan: In der Stadthalle zeigte das Schauspielerensemble aus Frankfurt eindrucksvoll das Stück „Die Welle“.

Am Ende schallen die beängstigenden Parolen Adolf Hitlers durch die Lautsprecher der Stadthalle. Sein Konterfei ziert eine der grellen Fahnen auf der Bühne und zumindest einigen der Zuschauer bleibt das Lachen im Halse stecken: Drastisch und eindrucksvoll machen die Schauspieler des Ensembles „Theater auf Tour“ ihrem jungen Publikum klar: „Die Welt wird nicht von dem Bösen bedroht, sondern von denen, die es zulassen.“

Es ist die Geschichte eines amerikanischen Geschichtslehrers, die die Schauspieler gestern Morgen auf der Bühne der Stadthalle erzählen. Ben Ross arbeitet Ende der 60er-Jahre mit seinen Schülern die Diktatur der Nationalsozialisten auf. „Warum haben die Menschen das nicht verhindert?“, fragen die Schüler ihn verständnislos, „sie konnten doch selber denken“. Eine Antwort darauf hat der Lehrer für seine Schüler nicht - ebenso wenig wie das Publikum.

Aber dann erfindet Ben Ross „Die Welle“. Das kluge, beliebte Mädchen der Schule, der Football-Star, die Dümmlichen und Außenseiter: Sie alle versucht der Geschichtslehrer in den Strudel von Disziplin, Autorität und Macht zu ziehen - mit beängstigendem Erfolg. So will er seinen Schülern zeigen, dass die Bedrohung der Manipulation und Diktatur immer und für jeden besteht. Doch er verliert selbst die Kontrolle, die Bewegung macht sich selbstständig. Gewalt, Unterdrückung und Bedrohung werden zum Schulalltag und weder Lehrer noch aufmerksame Schüler können der Welle etwas entgegensetzen. Erst als Ben Ross den alten Tonträger mit der Stimme des Diktators bemüht und den Jugendlichen vor Augen führt, wie das Böse in der Welt über Zivilcourage siegt, bricht die Bewegung auseinander - nicht ohne vorher noch ein Opfer zu fordern.

Es ist eine bedrückende Geschichte, die das Ensemble aber doch mit Mut zum Humor erzählt. Die Schauspieler lassen sich auf die Welt der Jugendlichen ein, erlauben ihnen, eigene Muster wiederzuerkennen und darüber zuweilen mitzulachen. Aber sie fordern sie auch zum Nachdenken auf. „Faschismus ist kein Phänomen, das nur andere betrifft“, betont der Erzähler, „es steckt in jedem von uns“.

Fast zwei Stunden lang begleiten die Korbacher Schüler die Geschichte auf der Bühne - die meisten von ihnen aufmerksam. Unruhe und Gekicher verstummen schnell, die Geschichte schockiert. Sie wirkt nach, fordert auf, genauer hinzusehen und die Bedrohung durch Diktatur und Manipulation in jeder Gesellschaft nicht zu unterschätzen.

Ob nun das beklemmende Bühnenbild, die Klezmermusik beim Szenenwechsel, die an sechs Millionen ermordete Juden erinnern will, oder das prägnante Spiel des jungen Ensembles: Unterricht im Theatersaal mag zuweilen eine eindrucksvollere und bleibendere Wirkung haben als Unterricht aus dem Lehrbuch.

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