WLZ-FZ begleiten Erzieherin im Kindergarten-Alltag und blicken hinter die Kulissen der Kita Kunterbu

„Du, Frau Bartel“

Korbach - Erzieherinnen gehen auf die Barrikaden - seit vier Wochen. Zwar beteiligen sich die städtischen Einrichtungen im Landkreis bisher kaum an dem Streik. Der Ärger der Mitarbeiter über schlechte Rahmenbedingungen ist aber groß. Ein Besuch in der Kindertagesstätte.

Ela ist eine der Ersten. Ihre Straßenschuhe hat sie bereits feinsäuberlich verstaut, die Jacke aufgehängt. Jetzt wird erstmal gefrühstückt. Die Fünfjährige weiß längst Bescheid, wie es im Kindergarten läuft. Sie ist eine von den Großen. „Du, Frau Bartel, können wir gleich Karten klatschen spielen“, fragt sie dann. Aber Frau Bartel hat noch alle Hände voll zu tun mit dem Frühstück. Denn Morgen für Morgen lassen es sich hier 22 Korbacher Kinder schmecken - Apfelschnitze, belegte Brote, Bananen, Gurken. Noch vor dem Morgenkreis. Und weil ihre Kollegin aus Krankheitsgründen ausgefallen ist, meistert Irina Bartel Beja die Arbeit in der Gruppe an diesem Morgen ganz alleine. Deswegen muss Ela warten.

„Wir brauchen kleinere Gruppen und mehr Zeit“

Die Jüngsten in der Gruppe sind gerade drei, die ältesten kommen nach den Sommerferien in die Schule. Und sie alle fordern Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Früher kam Irina Bartel Beja mit einem festen Tagesplan in die Gruppe, der dann mit allen Kinder umgesetzt wurde. „Seit drei Jahren arbeite ich ohne Plan“, sagt sie - meint das aber nicht wörtlich. Zwar gibt es keinen festen Tagesplan mehr, aber dafür individuelle Förderung mitten im Spiel. Und das kommt auch Ela zugute.

Mit ihren Freundinnen Jule und Joleen, die schon bald in die Schule kommen, macht sie es sich schließlich in der Bastelecke bequem. „Stühle und Tische haben wir bis auf einen aus der Gruppe verbannt“, sagt Irina Bartel Beja, „damit wir mehr Raum und mehr Freiheit haben.“ Und den Kindern in der Bastelecke scheint das zu gefallen. Herzen, Schiffe, Hüte, Sterne: Die Kinder zaubern. Und plötzlich schaltet sich ganz unaufdringlich Irina Bartel Beja aus dem Hintergrund ein: „Wie gefallen euch denn Schatzkästchen“, fragt sie. Und die Kinderaugen beginnen zu glänzen. Sie setzt sich zu den Mädchen und beginnt mit ihnen zu falten und zu schneiden.

Später, wenn es ein bisschen ruhiger geworden ist in der Gruppe, dann wird die 35-Jährige in die Akten der beiden großen Mädchen schreiben, wie gut es um ihre motorischen Fähigkeiten steht und wenn Zeit bleibt, wird sie darüber auch das Gespräch mit den Eltern suchen. „Aber das sind eben genau die Dinge, die auf der Strecke bleiben“, sagt sie, „Dokumentationen, Elterngespräche, Vorbereitungen“. Und deswegen fordert sie neue Rahmenbedingungen von der Politik. „Wir brauchen mehr Personal“, sagt sie, „mehr Zeit für die Dinge, die nicht während der Betreuungszeit stattfinden können“. Dazu gehören auch Fortbildungen.

Und noch eins: „Kleinere Gruppen“, betont sie, „um den Kindern wieder besser gerecht zu werden.“ Denn die Voraussetzungen hätten sich geändert. Eltern seien berufstätig, Großeltern häufig auch. Von Kindergärten werde erwartet, das aufzufangen. „Aber statt uns dafür zu rüsten, werden uns mit dem neuen Kinderförderungsgesetz auch noch Stunden gekürzt“, sagt Kindergartenleiterin Marion Kurth. Nicht die Stadt als Träger, sondern die Gesetze würden es den Einrichtungen schwer machen.

In der Kindertagesstätte Kunterbunt in Korbach haben die Erzieher darauf reagiert: eine Früh- und eine Spätschicht eingerichtet, um neue Zeitfenster zu schaffen. Projekte für Schulkinder ins Leben gerufen, um ihnen ebenso wie den Zweijährigen in der Krippengruppe gerecht zu werden. Und die Frage nach dem Gehalt? „Ums Geld geht es mir gar nicht“, sagt Irina Bartel Beja, „wenn die Rahmenbedingungen verbessert werden, würde mir das reichen.“

Von all den Problemen wissen Ela, Jule und Joleen noch nichts. Und als die Sonne endlich raus kommt, beraten die Mädchen gemeinsam, was sie wohl anziehen sollen, um im Garten spielen zu können. „Nee, Gummistiefel brauchen wir nicht“, beschließen sie und stürmen dann in den Garten. Ela, Jule und Joleen mögen das Klettergerüst und Zauberkästchen, Käfer und Schnecken und ihre Frau Bartel - vor allem, wenn sie Zeit hat.

Hintergrund: Der Streik

Im Dezember 2014 kündigte die Gewerkschaft verdi gegenüber der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände die Eingruppierungsvorschriften für die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst. Im Februar begannen Tarifverhandlung zwischen den Parteien – mit am Tisch sitzen auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der Deutsche Beamtenbund. „Wir wollen eine Verbesserung der Eingruppierung der Beschäftigten, die in der Wirkung eine Erhöhung von durchschnittlich zehn Prozent bedeutet“, erklärt verdi in einer Pressemitteilung. Eine Aufwertung des Berufsbildes sei dringend nötig, die Anpassung des Gehalts an gestiegene Anforderungen. Bisher werden staatlich anerkannte Erzieher und Erzieherinnen im öffentlichen Dienst laut Tarifvertrag in die Entgeltgruppe S?6 eingestellt. Das bedeutet in Stufe 1 ein Grundentgelt von 2366,68 Euro, in Stufe 6 von 3289,06 Euro.

Von Theresa Demski

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