Arche-Gründer Bernd Siggelkow setzt sich intensiv mit Kinderarmut auseinander

„Eigentlich ist es ganz einfach“

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Zeit, nicht Geld: Bernd Siggelkow gab seine Erfahrungen aus fast 20 Jahren Kinderarbeit weiter.

Korbach. - Was hilft gegen Kinderarmut? „Eigentlich ist das ganz einfach“, weiß Bernd Siggelkow aus eigener Erfahrung und schlägt einen nahe liegenden Vorschlag gleich in den Wind: „Nein, Geld ist es nicht.“

Es war der Tag des Bernd Siggelkow. Der Mittwoch der diesjährigen Korbacher Präventionswoche gehörte dem Gründer des Kinder- und Jugendwerks Arche. Wenn auch die erste Veranstaltung im Bürgerhaus am Nachmittag in Sachen Besucher noch Luft nach oben hatte, so wusste der Wahlberliner am Abend doch zu gefallen.

Rund 80 Besucher erhofften sich Einsichten in den Alltag des Mannes, dem Kinder und Jugendliche so sehr am Herzen liegen, dass er sein komplettes Leben danach ausgerichtet hat. Und neben Geschichten erhofften sie sich vor allem Lösungsansätze.

Bewusst emotional, pointiert und gekonnt zugespitzt füllt Siggelkow rund 90 Minuten. Besonders zu Beginn kann man den Eindruck gewinnen, dass da vorn kein Archegründer, sondern ein Comedian im ersten Lehrjahr steht. Siggelkow weiß zu unterhalten und sich zu verkaufen, er weiß, wer im Publikum sitzt und was er sagen muss. Mehrere Mal geht ein Raunen durchs Publikum, Mütter und Erzieherinnen schütteln ungläubig den Kopf oder nicken eifrig - je nachdem.

Es sind Geschichten mit großer Fallhöhe; sei es nun die alleinerziehende Mutter, die ihr Kind ungewollt verletzt hat, oder die Hartz IV-Empfängerin, die ihren Schlüssel verloren hat und wegen allzu viel Bürokratismus nicht mehr in ihre Wohnung kommt.

Weniger „Egal“, mehr Zeit

Die Diskussion unter Leitung von WLZ-Chefredakteur Jörg Kleine hatte am Nachmittag bereits zutage gefördert, dass es an jedem Einzelnen liegt, etwas zu ändern. Das Podium war mit Vertretern der unterschiedlichen Parteien und Sichtweisen besetzt - und sorgte allein deshalb für einen enormen Erkenntnisgewinn.

Mit Wiesbaden und Berlin wollte sich Bürgermeister Klaus Friedrich nicht lang beschäftigen. Was können die Korbacher vor Ort leisten, fragte er. Ein großer Vorteil sei es, dass in den ländlichen Regionen viele Netzwerke existierten und die Menschen sich noch füreinander interessierten.

Perspektive und Würde

Auf einer Wellenlinie lagen Domkapitular Gisbert Wisse und Siggelkow. Wisse betonte, dass es schwer sei, Armut zu erkennen. „Wir übernehmen beispielsweise in der Kirche Kosten. Doch kaum jemand meldet sich an. Aus Scham.“

Welche Bedürfnisse arme Kinder haben, erläuterte Ursula Beisenherz vom Korbacher Tafel-Vorstand: Gespräche. „Wir verbringen viel Zeit mit Reden“, erzählte sie und forderte: „Die Leute brauchen vor allem Arbeit. Und sie müssen von dieser Arbeit leben können“, geißelte sie Lohndumping. Nicht wenige müssten zu ihrem Job staatliche Unterstützung beantragen, um über die Runden zu kommen.

Bezieher von Hartz IV seien eine besondere Klientel, weil bei ihnen oft „Perspektive und Würde“ fehlten, so Siggelkow. Dass es auch bei der Bildung hapert, machte LPS-Schulleiter Michael Gering deutlich. „Wir müssten unsere Ausgaben verdoppeln.“ Extreme Art von Armut beobachtet er an der Louis-Peter-Schule selten. Erst beim Gang an den Kiosk zeige sich, wer kein Geld habe. „Die Armut soll nicht zu sehen sein.“ Gering verwahrte sich davor, mehr Aufgaben an die Lehrer abzugeben. „Wir können das nicht allein.“

Mehr Finnland

Weniger Kleinstaaterei bei der Bildung, eine größere Ausrichtung auf das einzelne Kind, ein funktionierendes Elternhaus, weniger Bürokratismus - die Diskussionsteilnehmer waren sich in vielen Punkten einig. „In Finnland sind die Kinder Könige. Und auch die Lehrer haben einen ganz anderen Stellenwert“, so Siggelkow. „Eigentlich ist es ganz einfach.“

Hintergrund

Das christliche Kinder- und Jugendwerk wurde 1995 in Berlin gegründet. Mittlerweile ist die “Arche“ mit 15 Einrichtungen in Deutschland aktiv und erreicht über 3000 Kinder und Jugendliche. In Göttingen und Frankfurt befinden sich die nah an Waldeck-Frankenberg liegenden Einrichtungen.

Die Eröffnung weiterer Projekte ist in Planung, unter anderem in Polen, wo Fußballer Lukas Podolski seine Unterstützung zugesagt hat. Weitere prominente Unterstützer sind Veronica Ferres oder Günter Jauch, der jährlich eine halbe Million Euro spendet.

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