Berufsorganisation soll die Interessen aller Pflegekräfte vertreten

„Eine Lobby wie die Ärzte“

Korbach - Sie sind hochqualifiziert, rund um die Uhr einsatzbereit und tragen viel Verantwortung – aber verdienen wenig und haben kaum Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen und die Wertschätzung ihres Berufes zu verbessern. Mit einer Kammer, die als Berufsverband die Interessen aller Pflegekräfte vertritt, soll sich das ändern.

„Eine Lobby wie die Ärzte“ wünschen sich angehende Gesundheits- und Krankenpfleger, die am Mittwoch im Bildungszentrum des Stadtkrankenhauses mit der SPD-Landtagsabgeordneten Daniela Neuschäfer (Frankenberg) über die Gründung eines einheitlichen Berufsverbandes diskutierten. „Im Dienst stehen wir ständig unter Strom und müssen froh sein, wenn wir überhaupt mal unsere Pausen nehmen können“, beschrieb eine Schülerin. Der chronische Personalmangel, ergänzte ein anderer aus der 22-köpfigen Klasse, wirke sich auf die Qualität der Pflege aus, weil weniger Zeit für den einzelnen Patienten übrig bliebe. Durch immer aufwendigere Dokumentationen gerieten überdies die eigentlichen Pflegeaufgaben zunehmend ins Hintertreffen. Und an die oft dringend nötige Weiterbildung sei im eng getakteten Schichtdienstalltag meist gar nicht zu denken. Sich mit diesen Arbeitsbedingungen anzufreunden, sind immer weniger Berufsanfänger bereit. Dabei werden Pflegekräfte mehr denn je benötigt. Denn parallel wächst mit der demografischen Entwicklung die Zahl der Pflegebedürftigen. Sie würden von einer politisch einflussreicheren öffentlich-rechtlich organisierten Pflegekammer profitieren, erklärte die Landtagsabgeordnete. Denn wenn die Berufsaussichten sowohl in finanzieller wie ideeller Hinsicht verbessert werden könnten, sichere dies die Qualität der pflegerischen Versorgung. Seit der Pflegeberuf, seine Ausbildung und Berufsausübung im Jahre 1906 erstmals gesetzlich geregelt wurden, werde auch über die Bildung einer Pflegekammer diskutiert, erläuterte Ruth Piro-Klein. Für die Leiterin des Bildungszentrums ist es zudem längst überfällig, die Aufteilung der Pflegeberufe nach dem Alter der Patienten abzuschaffen. Der Bundesgesetzgeber plane inzwischen auch eine entsprechende Reform der Pflegeausbildung.Pflegekammern einzurichten, ist Ländersache. In Rheinland-Pfalz ist man damit am weitesten, 2016 soll es dort so weit sein. Eine Mehrheit der Pflegekräfte hatte sich in einer Befragung dafür ausgesprochen. Diese Voraussetzung wird auch in Hessen zu erfüllen sein. Um bereits vorher ein Meinungsbild zu erhalten, besuchte Daniela Neuschäfer als pflegepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion bisher rund ein Dutzend Pflegeschulen. Im Spätherbst soll dann entschieden werden, ob die SPD mit einer Initiative die Einrichtung einer Pflegekammer voranbringen will. Sollte es dazu kommen, wäre eine breite parlamentarische Mehrheit wahrscheinlich. Denn im schwarz-grünen Koalitionsvertrag findet sich ein ebensolcher Prüfantrag. Von Thomas Kobbe

Stichwort: PflegekammerEine Pflegekammer ist eine Berufskammer und Körperschaft des öffentlichen Rechts, die hoheitliche Aufgaben übernimmt: Mitwirkung bei Qualitätsstandards, Vergabe von Lizenzen und Zertifikationen, Beteiligung bei Gesetzgebungsverfahren, Abnahme von Prüfungen, Fort- und Weiterbildungen, Gutachter- und Schiedsstellentätigkeit. Die Pflegekammer soll den etablierten Heilberufskammern (Ärztekammer, Zahnärztekammer, Apothekerkammer) gleichgestellt sein und sowohl im Gesamtinteresse der Berufsgruppe handeln als auch die beruflichen Interessen der einzelnen Pflegefachberufe berücksichtigen. Um die Aufgaben zu erfüllen, ist eine Pflichtmitgliedschaft erforderlich. Der Beitrag soll einkommensabhängig und steuerlich absetzbar sein.(r/tk)

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