Korbach

An einer hohen Messlatte gewachsen

+

- Korbach (ahi). Stücke, die jeder kennt und liebt, sind ein zweischneidiges Schwert für die Darsteller, denn zur positiven Grundeinstellung beim Publikum, das sich auf seine Lieblingswendungen freut, gesellt sich eine hohe Messlatte. Kein Problem für die Schauspieler der Theater-AG der Alten Landesschule. Sie verleihen Dürrenmatts „alter Dame“ frischen Charme und zusätzliche Tiefe.

Und die Liste derjenigen, die in den letzten 55 Jahren als Alfred Ill und Claire Zachanassian auf der Bühne geglänzt haben oder prominent gescheitert sind, ist lang. Anja Zielinski (Abi 2010) und Yannick Scheurer (13 f) haben auf der Bühne der Alten Landesschule voll überzeugt, gerade in der schwierigeren zweiten Hälfte, die schon so manchen Charakterdarsteller auf der Bühne und am Regiepult überfordert hat. Auch sonst gibt es in Gabriele Sommers stimmiger Inszenierung etliche angenehme Überraschungen, die garantierten Lacher für das geblendete Eunuchenpaar Koby (Kai Wege, 9 d) und Loby (Jonathan Schanner,  8 c) natürlich auch.

Doch die Wartezeit bis zum ersten Auftritt der Publikumslieblinge wird selbst den Eingeweihten nicht lang, denn das Eröffnungsszenario „Endstation Hoffnung“ ist flott als trauriges Trainspotting vor dem zusammengestrichenen Fahrplan in Szene gesetzt. Von Schnellzuggeräuschen durchzogene Sehnsucht nach besseren Zeiten, getragen vom jugendlichen Charme von Hofbauer (Jara Seibel, 8 b) oder Helmesberger (Fenna Martin, 12 a) und den anderen Bürgern und Honoratioren, die nach und nach alle der verlorenen Größe Güllens nachtrauern, allen voran der wertebewusste Lehrer (Eva Blechschmidt, 13 f), der gern an Goethes Übernachtung und das Streichquartett erinnert, das Brahms einst hier komponiert hat. An jene humanistischen Traditionen eben, die auch Deutschland nicht vor der Nazi-Barbarei bewahrt haben. Aber der Opportunismus hat viele Gesichter.

Und die Güllener sind bekanntlich zu allem bereit, es ist nur eine Frage der Zeit, wie jeder weiß. Doch zunächst zeigt sich das Örtchen beim Empfang der milliardenschweren verlorenen Tochter als toleranter Hort der Kultur mit Chor und eigener Hymne (komponiert und einstudiert von Sylvia Grebe), der über die bizarren Launen der Heilsbringerin tolerant hinwegsieht und darauf hofft, dass der Alfred die Alte schon noch rumkriegt.

Bis zur Verkündung der tödlichen Bedingung bietet die Theater-AG eine schöne Vorstellung ohne Überraschungen, doch danach gerät der Abend zum unvergesslichen Ereignis. Dafür sorgt der Ill-Darsteller, mit dem die Inszenierung an Tempo und Spannkraft gewinnt. Dabei gestaltet Yannick Scheurer die Wandlung Ills überzeugend über mehrere Stationen vom gönnerhaften Ladenbesitzer, der gern die Solidaritätsadressen vom Vortag großzügig belohnt, ehe ihm aufgeht, dass er mit seinem Kopf für die Kredite geradesteht, die er anschreibt, über den ungläubig verzweifelnden Mann, dem sämtliche Institutionen wegbrechen, ehe sie sich gegen ihn verschwören, um ihn an der Abreise zu hindern. Auch wenn ihn letztlich anschaulich sein Über-Ich in Gestalt sämtlicher Honoratioren daran hindert, den rettenden Zug zu besteigen.

Mehr lesen Sie in der WLZ am Dienstag, 17. Mai

Kommentare