Vor 50 Jahren schloss Adorfer Erzgrube · Knappen erinnern an Ende einer Ära

Einmal Kumpel, immer Kumpel

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Einige der wenigen Farbaufnahmen der „Grube Christiane“, aufgenommen vom Vornsberg, stammt aus dem April 1963 und somit dem Monat der Grubenschließung.

Diemelsee-Adorf - „Glück auf“: Immer mal wieder ist in Adorf der traditionelle Bergmannsgruß zu hören. Er erinnert ebenso wie das Besucherbergwerk an die rund 800-jährige Bergbaugeschichte der Region. Heute vor 50 Jahren rollte der letzte Wagen Erz aus der „Grube Christiane“.

„Einmal Bergmann, immer Bergmann“: Obwohl Heino Klemme seit 1961 nicht mehr unter Tage arbeitet, ist die Begeisterung des Korbachers für seinen Lehrberuf nie erloschen. Gleiches gilt für die Adorfer Gerhard Willeke und Erich Bangert, die, wie Klemme einst, in der Adorfer Grube schufteten, 1984 den Ausbau zum Besucherbergwerk mit anstießen und dort bis heute an die Bedeutung des Bergbaus für ihre Heimat erinnern.

„Wir sind die letzten Mohikaner“, lächelt Willeke – ohne den Ernst der Lage zu verkennen. Viele ehemalige Kollegen haben die Knappen seit der Schließung der Grube am 16. April 1963 zu Grabe getragen. Gerade deshalb nutzen sie Tage wie diesen aber gern, um ihr Wissen und ihre Erlebnisse weiterzugeben.

Bis zu 360 Bergleute Geschichte und Geschichten schreibt der Adorfer Bergbau mindestens seit 1273. Immer wieder gibt es Hochs und Tiefs. Mal floriert der Erzabbau, mal ruht er (siehe Hintergrund). Während des Ersten Weltkriegs 1917 werden die Arbeiten ebenfalls eingestellt – auch weil Geologen davon ausgehen, dass die Vorkommen ausgeschöpft sind.

„Das Autarkiebestreben im Dritten Reich führte aber dazu, dass Erz und Kohle selbst abgebaut statt importiert werden sollten“, berichtet Klemme. „1936 entdeckt die Mannesmann AG nach Kernbohrungen wieder abbauwürdige Lager“, ergänzt Knappenvereinsvorsitzender Erhard Rettig, der sich der Bergbaugeschichte intensiv widmet und sie zum Beispiel für die Neuauflage der Adorfer Chronik aufbereitet. „Die Aufbewältigung der alten Grube Martenberg begann. 1938 wurde das erste Erz gefördert.“ Da die ehemalige Grubenbahn in den 20er-Jahren abgebaut worden war, rollen zunächst Schwerlastkraftwagen nach Bredelar. 1939 starten Bergleute laut Rettig mit dem Wiederaufbau der Bahnstrecke. „Das war der Start für den ganzjährigen Abbau“, der nur während des Zweiten Weltkriegs für rund drei Jahre stagniert.

„Als ich 1957 hierher kam, dachte ich, ich komme ins Mittelalter“, blickt Klemme, der 1950 in einer großen Kohlenzeche an der holländischen Grenze „angelegt“ worden war, zurück. Die Mechanisierung, die den Arbeitsalltag der bis zu 360 Bergleute (1960) erleichtert, schreitet in Adorf dann aber schnell voran, sodass die Förderleistung von 1955 bis 1960 enorm steigt (siehe Presseschau). „1960 verbucht die Grube mit einer Jahresfördermenge von 156?000 Tonnen ihr bestes Jahr.“ Keiner wird arbeitslos

Warum die Grube Christiane drei Jahre später geschlossen wird, erklären die Knappen mit der höheren Qualität sowie den niedrigeren Abbau- und Transportkosten ausländischer Erze (siehe Presseschau). „Der Rechenstift beherrschte alles“, zitiert Rettig einen WLZ-Bericht vom 16. April 1963, der das deutsche Grubensterben aufgreift. „Wir haben das sinkende Schiff aber rechtzeitig verlassen“, blickt Willeke zurück. 1961 beginnt er in einer Grube in Ramsbeck, arbeitet später in der Adorfer Gipsgrube. Im gleichen Jahr übernimmt Klemme die Versicherungsagentur seines Schwiegervaters. Erich Bangert schlägt 1962 einen Weg ein, den viele Bergleute gehen: Er beginnt bei Continental in Korbach.

„Damals, in der Zeit des Aufbruchs, gab es keine Arbeitslosigkeit durch die Grubenschließung“, hebt Klemme hervor. Willeke: „Nur wenige Familien sind weggezogen, weil die Männer Arbeit in Gruben im Ruhrgebiet oder Siegerland gefunden haben.“ Hoffen auf Modernisierung Dennoch habe die Gemeinde sich bemüht, eigene Industrie anzusiedeln, erläutert Rettig – ohne durchschlagenden Erfolg.

Nur die Eisen- und Metallwarenfabrik Bartholomey kommt nach Adorf. Heute zeugt die Firma ebenso von der langen, wechselvollen Bergbaugeschichte der Grube wie das Besucherbergwerk, das Bergmannsdenkmal und die ehemalige Bergarbeiter-siedlung im Rhenegger Feld mit der Mannesmannstraße. Damit die vor 50 Jahren beendete Bergbau-Ära aber auch in 50 Jahren nicht vergessen ist, wünschen sich die Knappen:

Nachwuchs für den Knappenverein, zum Beispiel auch als Besucherführer, und den Knappenchor. den Erhalt und Ausbau des Besucherbergwerks. Um Geschichte und Geschichtchen zu bewahren, stattet die Gemeinde den Verein derzeit mit Diktiergeräten aus. Rettig: „Es muss aber auch richtig investiert werden.“ Enttäuscht sind die Knappen darüber, dass sie sich im Rahmen des Leader-Programms viele Gedanken zur Zukunft der Grube gemacht haben, aber wenig passiert ist. „Wir hoffen, dass der Umbau bald beginnt.“

Eine Sonderseite zum Bergbau in Adorf lesen Sie in der WLZ-FZ vom 16.April

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