130 Musiker präsentieren eindrucksvolle musikalische Vision vom Propheten Elias

Einmaliges Klangerlebnis im Kilian

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Die evangelische Kantorei Korbach und das „Orchester im Treppenhaus“ aus Hannover brachten unter sicherer Stabführung von Stadtkantor Eberhard Jung Felix Mendelssohn-Bartoldys Oratorium „Elias“ in der Kilianskirche zum Klingen. Fotos: Hennig

Korbach - Spannungsgeladene zweieinhalb Stunden lang fesselten Chor und Orchester ihr Publikum und machten eindrucksvoll Zusammenhänge zwischen Text und Musik hörbar.

Über anderthalb Jahre hatte die Kantorei Felix Mendelssohn-Bartoldys „Elias“ für die Aufführung in der Kilianskirche geprobt. Auf den ersten Blick ein ungewöhnlich langer Zeitraum, doch die ebenso stringente wie differenzierte Interpretation des Oratoriums unter der Leitung von Stadtkantor Eberhard Jung rechtfertigte den Aufwand in jeder Hinsicht. Zwar hatte die Ouverture mit ihrer geglückten Balance aus Romantik und Barock schon auf eine inspirierte Aufführung hingedeutet, doch die Art und Weise wie Jung seine Sänger beim Eingangschor in Szene setzte, war schon einzigartig.

Dieses „Hilf Herr“ war nicht der übliche kollektive Klangblock oder möglichst laute monolithische Aufschrei, sondern der Hilferuf von vielen Individuen, die alle unter der Dürre leiden; persönliche Nöte, nachvollziehbar gemacht. Im selben Geist sorgte Daniel Gardonyi bei der Begleitung des Rezitativs „Die Tiefe ist versiegelt“ an der Kuhn-Orgel denn auch für Klangfarben, bei denen die Dürre hörbar wurde und ließ den volltönenden sakralen Samt in der Mottenkiste.

Erst sanft, dann dramatisch

Als besonders eindrucksvolles Beispiel für Mendelssohns musikalische Exegese erwies sich das Zusammenspiel von Chor und Orchester beim Wut-Chor „Aber der Herr sieht uns nicht“ mit dem Kontrast der schrillen Töne bei den anfänglichen Zornesausbrüchen des Volkes und den sanften Streichern der Zuversicht bei den Verheißungen des Höchsten für die „Tausende, die mich lieb haben und meine Gebote halten.“

Die strahlenden Trompeten für den „Barmherzigen“ im Chor Nummer neun („Dem Frommen geht ein Licht auf“) erwiesen sich ebenso als bezeichnender Lichtmoment in den lyrisch-theologischen Partien des ersten Teils wie der sanfte Flötensegen bei „Wohl dem, der auf Gottes Wegen geht“.

Spektakulärer und von den Choristen besonders geliebter Höhepunkt der dramatischeren Hälfte des Oratoriums ist das Brandopfer-Duell mit den Chören der Baalspriester. Dabei machte Eberhard Jung den gelassen-arroganten Anmarsch der vermeintlichen Sieger aus allen Richtungen im plastischen Klangbild erfahrbar, ehe der Dirigent bei den immer verzweifelteren Anrufungen der fassungslosen Götzendiener ein wahrhaftes Furioso wüten ließ, auf dessen letztes Aufbrausen eine bezeichnend lange Pause folgte. Erst dann rief der siegreiche Prophet zu seligen Orchesterklängen den Gott Abrahams, Isaaks und Israels an. Den homogenen Chorklang hatte sich der Stadtkantor bis zum Erscheinen des lang ersehnten Regens aufgespart, der so einen wirkungsvollen Kontrast zum individualisierten Eingangschor bildete.

Bei der Ausschau nach den ersten Wolken hatte der neunjährige Lukas Koch als Knabe seinen großen Auftritt im Dialog mit Elias. Mit seinem lyrischen Bass gab Sebastian Pilgrim dem Propheten eine gütige Seite, gerade im Duett mit der Witwe oder bei der Befragung des Knaben. die spöttische oder drohende Seite sollten nur die Baalspriester kennen lernen. Die Elegie „O Herr, ich arbeite vergeblich“ gestaltete der Solist mit dem warmen Timbre zum Solo-Höhepunkt. Mitmenschlich und auf den Erlöser vorausweisend auch sein Duett mit der Witwe bei der Erweckung des toten Knaben mit der direkten Ansprache an die ungläubige Mutter.

Große Solomomente

Im glaubwürdig gestalteten Operndrama mit Sabine Ritterbusch erlebten die Zuhörer die beiden Sänger erstmals von ihrer allerbesten Seite. Die Arie „Höre Israel“ geriet zum ganz großen Solomoment der Sopranistin zu Beginn des zweiten Teils. Das Sopran-Duett „Zion streckt ihre Hände aus“ mit Vera Margaretha Filipponi hinterließ ebenfalls einen starken Eindruck.

Uta Grunewald war vor allem in der zweiten Hälfte gefordert, zunächst als rachsüchtige Königin, dann als Engel, der den an sich und allem zweifelnden Propheten aus seinem Loch holt: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn“ war der große Moment der Altistin aus Göttingen. Bei Fabian Strotmann wechselten sich zunächst Licht und Schatten ab, denn bei der Arie „So ihr mich von Herzen liebet“ gesellten sich zur überzeugende Höhe ein paar nicht so wohlklingende Töne in der tiefen Lage und auch als Ahab wirkte der Tenor aus Essen etwas unterdimensioniert. Dafür war er im zweiten Teil voll auf der Höhe, dabei gerieten ihm das Rezitativ „Siehe er schläft“ (No. 27) und die Arie „Dann werden die Gerechten leuchten“ (No. 39) zum echten Glanzlicht.

Letztendlich überstrahlte der Chor „Aber einer erwacht von Mitternacht“ alles andere Vorangegangene. Denn aus dem von den Bass-Stimmen intonierten Anfang entwickelte sich mit jeder einsetzenden Stimme ein musikalischer Sonnenaufgang bis zur maximalen Strahlkraft. Im Vergleich zu diesem Gipfel an differenzierter Gestaltung, der sich allenfalls in Sachen Lautstärke noch überbieten ließ, wirkte der Schlusschor zu Beginn etwas grell-bombastisch, doch gerade die Schlussfuge „Herr, unser Herrscher“ war von einer himmlischen Gelöstheit getragen.

Die Spannung von anderthalb Jahren war von den Sängern abgefallen, mit dem erlösenden Wissen, dass sich die Mühe Note für Note gelohnt hatte.

Von Arming Hennig

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