Gedenkveranstaltung am kommenden Wochenende in Vöhl

Erinnerung an ermordete Juden

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Sie haben ein Modell des Vernichtungslagers Sobibor gebaut: Sebastian Böhnisch, Fabian Sauer, Tim Bartsch, Sebastian Wald, Tabea Zembellini, Isabell Arnold und Hartmut Bugdoll.Fotos: Hennig/Herrmann

Vöhl - Mehr als 200 000 Juden wurden im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Mit einem Gedenkwochenende erinnern Waldeck-Frankenberger am Wochenende in Vöhl an die Deportation von mehr als 500 nordhessischen Juden im Juni 1942.

Ein Brief, der im März 1942 in den Landratsämtern eintraf, besiegelte das Schicksal von 79 Juden aus dem heutigen Wal­deck-Frankenberg. Das Reichssicherheitshauptamt ordnete an, alle jüdischen Frauen und Männer unter 65 Jahren und alle jüdischen Kinder nach Lublin zu deportieren. Dort sollten sie in den Vernichtungslagern Sobibor und Majdanek ermordet werden.

Der Befehl wurde an die Bürgermeister von insgesamt 61 nordhessischen Orten weitergegeben – sie parierten und schickten die Soldaten auf die Dörfer. Mehr als 500 Menschen verfrachtete die Gestapo schließlich an den Bahnhöfen in den Kreisstädten in Züge Richtung Kassel. Zeitzeuge in Vöhl zu Gast Dort wurden sie am 1. Juni 1942 zum Hauptbahnhof getrieben und auf eine Fahrt Richtung Osten geschickt.

In Lublin mussten die Männer zwischen 15 und 50 Jahren zum Arbeiten aussteigen, die Älteren, Frauen und Kinder wurden nach Sobibor gebracht – keiner von ihnen überlebte. Rund 200 000 Menschen ermordeten die Nazis in dem Vernichtungslager im besetzten Polen, keiner der 500 deportierten Juden aus Nordhessen kehrte zurück. Aus dem heutigen Waldeck-Frankenberg starben 79 Männer, Frauen und Kinder. An die Deportation von Kassel nach Sobibor vor genau 70 Jahren wird am Wochenende in Vöhl erinnert.

Unter der Federführung des Förderkreises der Vöhler Synagoge beteiligen sich Vereine, Institutionen, Kirchen und Historiker aus dem Landkreis an der Gedenkveranstaltung. Eine Ausstellung in der Synagoge in der Mittelgasse wird am Samstag eröffnet – in Wort und Bild schafft sie Raum für die Opfer und erzählt ihre Geschichten. Um 19 Uhr ist der 91-jährige Jules Schelvis zu Gast. Er ist einer von rund 33 000 Niederländern, die nach Sobibor deportiert wurden, aber einer der Wenigen, die nicht sofort in den Gaskammern ermordet wurden. Jules Schelvis berichtet von seiner zweijährigen Odyssee durch Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die offizielle Gedenkfeier beginnt am Sonntag. Dr. Susann Urban vom Internationalen Suchdienst hält die Festrede, Kurt Grützner spielt Saxofon, und Landrat Dr. Reinhard Kubat ist zu Gast. Um 12 Uhr benennen die Vöhler mit Bürgermeister Harald Plünnecke eine Straße in ihrem Ort nach Günter Sternberg – der neunjährige Vöhler wurde mit Vater Martin und Mutter Rosalies in Sobibor ermordet.

Um 18 Uhr findet ein Gedenkgottesdienst in der Martinskirche statt. Eine Führung durch die Ausstellung wird um 14 Uhr angeboten. Zu sehen ist dann auch ein Modell des Vernichtungslagers Sobibor, das sieben Jugendliche des Vöhler Vereins „Hallo“ unter Anleitung von Hartmut Bugdoll erstellt haben. In 600 Arbeitsstunden bauten, strichen und bastelten die Jugendlichen das Modell. Eine erste Version verwarfen sie, weil sie für die Ausstellungsräume zu groß geworden war, und machten sich motiviert an ein neues Exemplar des 400 mal 600 Meter großen Lagers.

Jeden der kleinen Modellgegenstände bauten die engagierten Jugendlichen selbst – mit durchaus gemischten Gefühlen. „Wir alle hatten beim Bauen ein bisschen Gänsehaut, erzählt Hartmut Bugdoll, „denn das Grauen dieses Ortes war immer dabei“. Als Vorlage für das Modell diente eine Karte von Jules Schelvis. Andere Gedenkstätten haben bereits ihr Interesse an dem weltweit einzigen mobilen Sobibor-Modell signalisiert, berichtet Kurt-Willi Julius vom Förderkreis. Fest montierte Modelle gibt es nur in der Gedenkstätte Majdanek und in Los Angeles. (resa/ahi)

Zeitplan

Der Ablauf des Gedenkwochenendes in Vöhl - Samstag: 16 Uhr Eröffnung der Ausstellung „Deportation nach Sobibor und Majdanek“, 16.30 Uhr Führung durch die Ausstellung, 19 Uhr Vortrag Jules Schelvis: Eine Reise durch die Finsternis.

Sonntag: 9.30 bis 18 Uhr Ausstellung, 10.30 Uhr Gedenkfeier in der ehemaligen Synagoge, 12 Uhr Benennung eines Weges nach Günter Sternberg (Arolser Straße 23), 14 Uhr Führung durch die Ausstellung, 18 Uhr Gedenkgottesdienst in der Martinskirche.

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