Experten wünschen sich ein engeres Netzwerk

Fachtagung zum Thema Kindesmisshandlung

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Sozialarbeiter, Pädagogen, Hebammen, Psychologen, Mediziner und Polizisten berieten gemeinsam über das Vorgehen bei Kindesmisshandlung. Referent Dr. Bernd Herrmann lieferte medizinisches Hintergrundwissen. Martina Wiechens, Nicole Rischard, Karin Hentschel, Dr. Karin Schwiese-Leonhardt und Andreas Strake diskutierten später auf dem Podium.Fotos: Theresa Demski

Korbach - Blaue Flecken, gewalttätiges Verhalten oder extreme Zurückgezogenheit: Wenn Kinder auffällig werden, sind Erwachsene gefragt - Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Mediziner und Polizisten. Um sie zu unterstützten, Situationen richtig einzuschätzen und wirkungsvoll zu helfen, hatte der Landkreis zum Fachtag eingeladen.

Das sei kein Thema, das er besonders möge, stellte Landrat Reinhard Kubat gleich zu Beginn fest. „Aber es gibt Gewalt gegen Kinder, auch in unserem Landkreis und deswegen müssen wir uns diesem Thema stellen“, ergänzte er dann. Und das sahen auch die rund 200 Teilnehmer der Fachtagung „Kindesmisshandlung und sexuelle Gewalt gegen Kinder“ so. Ob Sozialarbeiter, Erzieher, Lehrer, Hebammen, Psychologen, Mediziner oder Polizisten: Fachkräfte aus dem ganzen Landkreis hatten die Einladung des Fachdienstes Jugend ins Kreishaus angenommen.

Die Idee hatten die Akteure selbst entworfen: Vier Mal im Jahr treffen sich die Mitglieder des Netzwerks „Frühe Hilfe Korbach“, um über den gemeinsamen Einsatz gegen Kindesmissbrauch zu beraten - auch in Bad Wildungen, Bad Arolsen und Frankenberg gibt es entsprechende Netzwerke, deren Mitglieder sich zwei bis vier Mal im Jahr treffen. Die Korbacher hatten nun den Wunsch nach einem Fachtag geäußert - auch, um die Aktiven der anderen Städte kennenzulernen.

WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine führte durch das Programm, das mit einem Vortrag von Dr. Bernd Herrmann (Kassel) begann: „Vom unguten Gefühl zum fachgerechten Handeln“ hatte er sein Referat genannt. „Ich werde ihnen auch Bilder aus unserer Kinderschutzambulanz zumuten“, erklärte er, „denn ich finde, was die Kinder erlitten haben, das müssen wir aushalten.“ Die seelische und körperliche Vernachlässigung von Kindern sei die häufigste Form von Misshandlung, erklärte er dann. Und: „Wir müssen verstehen, dass es nette Eltern gibt, die nicht-nette Dinge tun“.

Das bestätigte auch Angela Netzband vom Kooperationskreis gegen sexuelle Gewalt in Kassel. „Eltern sollten nicht so viel Angst vor bösen Männern in weißen Bullis haben, sondern vor Übergriffen auf Kinder in der Verwandtschaft und Nachbarschaft“, erklärte sie. Gleichzeitig machte sie Lehrern Mut, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr Motto sei: Mutig fragen, besonnen handeln.

Angela Netzband zeigte den Waldeck-Frankenberger Fachkräften auch, was ihnen fehlt: Im Gegensatz zu Kassel nämlich gibt es im Landkreis bisher kein Netzwerk, das über die Stadtgrenzen hinaus arbeitet. Dass sich die meisten der Teilnehmer eine engere Zusammenarbeit der Akteure wünschen, machten sie während der anschließenden Podiumsdiskussion klar.

Martina Wiechens vom Kinderschutzbund, Nicole Rischard von der Kripo, Sozialarbeiterin Karin Hentschel, Schulärztin Dr. Karin Schwiese-Leonhardt und Andreas Strake als stellvertretender Leiter des Fachdienstes Jugend zeigten aber auch bestehende Verbindungen und Handlungsmöglichkeiten auf.

Anonyme Beratung gebe es sowohl beim Jugendamt als auch beim Kinderschutzbund, den Sozialarbeitern in den Städten und am Sorgentelefon für Kinder und Eltern. Die Polizei hingegen habe einen „Verfolgungsauftrag“, erklärte Nicole Rischard. In 37 Fällen ermittelte die Polizei im Landkreis im vergangenen Jahr wegen sexuellen Missbrauchs gegen Kinder.

Von Theresa Demski

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