Petra Hammesfahr liest in der Korbacher Stadtbücherei aus ihrem Kriminalroman

Figurenreiches Panorama einer Kleinstadt

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Petra Hammesfahr bei ihrer Lesung in Korbach. Foto: Hennig

Korbach - Vor ausverkauftem Haus las Petra Hammesfahr in der Stadtbücherei aus ihrem jüngsten und teilweise ziemlich umstrittenen Nachbarschaftsthriller „An einem Tag im November“.

Der Roman behandelt die, zunächst, ergebnislose Suche nach der seit Samstagnachmittag spurlos verschwundenen fünfjährigen Emilie Brenner, die um jeden Preis ihr neues Kinderfahrrad ausprobieren wollte und ihrer Mutter in einem unbewachten Moment entwischte, um nie mehr nach Hause zu kommen. Eingebettet in die Ereignisse des Novemberwochenendes ist die vielschichtige Vorgeschichte, die schon im Dezember des Vorjahres ihren Ausgang nimmt.

Der mit komischen Elementen angereicherte Prolog um die späte Heimkehr des Ehepaars Notkötter aus dem Wochenende, die mit dem Überfahren eines Kinderfahrrads durch Holger und der vor Schreck eingenässten Hose von Ehefrau Elke ein böses Ende nahm, stand am Anfang der Lesung aus dem figurenreichen Panorama der fiktiven, aber an ein reales Vorbild angelehnten Kleinstadt Herten (Kerpen) im Erftkreis.

Auf das vergleichsweise späte Ereignis in der Zeitleiste folgte der Beginn der Tragödie aus dem Vorwinter, der mit dem vermeintlichen Unfalltod der Mutter von Benny Küppers und dem Beginn der Schreckensherrschaft des „infernalischen Trios“ zusammenfällt. Die kriminelle Karriere von Jessie Breuer und den unlängst aus Kasachstan eingewanderten Cousinen Irina und Tatjana Kalwinov bildete einen roten Faden während der Lesung. Schließlich verleihen die beiden im Kickboxen ausgebildeten Schülerinnen aus der ehemaligen Sowjetrepublik ihren Schutzgeldforderungen nicht nur mit physischer Gewalt Nachdruck, sondern auch mit dem Verweis auf den Tod der Mutter von Benny Küppers, die für ihren Gang zum „Bullen“ mit dem Leben bezahlen musste.

Auch die Drohung, die Verbindungen des großen Bruders zur Russenmafia mit der Möglichkeit, die „kleine Schwester“ zu entführen und auf Nimmerwiedersehen im Gewerbegebiet verschwinden zu lassen, gehört zum Repertoire der Bande, bei deren Treiben die Lehrer schon einmal geflissentlich wegsehen, wenn ein Mitschüler misshandelt wird.

So schreitet Geschichtslehrer Horst Reinke nicht ein, als sein Schüler und Nachbar Mario Hoffmann wegen einem Paar Nikes und seines Versuchs, einen angedrohten Anschlag des Trios auf die kleine Emilie zu vereiteln, auf dem Schulparkplatz lebensgefährlich zusammengetreten wird.

Die Nöte des von seinen Eltern vernachlässigten Sohnes von in der ganzen Welt engagierten Elendstouristen mit der Kamera waren ein weiterer prominenter Handlungsstrang der Lesung aus dem engagierten Nachbarschaftskrimi.

Zumal Mario als einziger durchschaut, dass das Trio die vollkommen unbeteiligte Emilie Brenner für die kleine Schwester des von ihrem Cousin Lars Nießen zwischenzeitlich als Schutzmacht aktivierten Murat Bülent hält. Dabei hat der öfter mal als Abholer und Babysitter eingesetzte Fitness-Trainer im Brenner-Center nur ein besonders gutes Verhältnis zur Tochter seines Chefs, zumal die unter Dauerstress stehenden Eltern zu selten für ihr Kind da sein können. Und Mario wird auch der Letzte sein, der das verschwundene Nachbarsmädchen mit den neuen Fahrrad von Puky erblickt, allerdings ist er als Folge seiner Verletzungen kaum in der Lage, das Gesehene richtig zu verarbeiten.

Die üblichen Verdächtigen

In seinem vierten Einsatz hält sich der nach Herten versetzte Kommissar Klinkhammer, der schon in Sachen Benny Küppers und auch danach mit der Familie Kalwinov zu tun hatte, an die üblichen Verdächtigen. In diese Kategorie fällt auch Markus Heitkamp, der psychisch gestörte Sohn der Geschäftspartnerin von Emilies Mutter, der gern kleine Mädchen auf Maden untersucht, war auch an jenem regnerischen Nachmittag in der Nachbarschaft unterwegs.

Während der anschließenden Fragerunde erzählte Petra Hammesfahr von ihren Anfängen mit einer wegen der Fülle an Verhängnissen als unglaubwürdig abgelehnten Autobiografie und der Empfehlung, lieber zwanzig Romane daraus zu machen. Der Beginn ihrer nunmehr ein Vierteljahrhundert andauernden Erfolgsgeschichte, zu der auch Entscheidungen gehören, die nicht überall auf Gegenliebe stoßen.

Über die Besetzung der Schurkenskala in „An einem Tag im November“ war es zum Bruch mit dem bisherigen Verleger gekommen, der beim Brisanz­thema Schulhofkriminalität eventuellen Diskriminierungsvorwürfen mit einer rein deutschen Riege von Bösewichten und -wichtinnen aus dem Weg gehen wollte.

Ihre selbst im Verlagswesen tätige Tochter war ihr beim Aufbrechen der entsprechend eingestuften Partien und der Entkräftung entsprechender Vorwürfe behilflich.

Die erste Widmung in einem Roman von Petra Hammesfahr, die auch deshalb ihren Kommissar und die Leser mit einer denkbar breiten Schar von Verdächtigen konfrontieren kann, war das Dankeschön für die Beratung.

Von Armin Hennig

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