Forschergruppe arbeitet in der Korbacher Kilianskirche und der Nikolaikirche

Dem Franziskanermaler auf der Spur

Viel technischer Aufwand ist erforderlich, um gleichbleibend präzise Infrarot-Aufnahmen zu erhalten. Auf dem Bild oben arbeiten die Frankfurter Fachleute im Chorraum der Kilianskirche. Auf dem linken Foto begutachtet das Frankfurter Untersuchungsteam in der Kilianskriche eine Detailaufnahme der Altartafel auf dem Laptop – von links: Katharina Grießhaber, Benedikt Brebeck und Julia Liebrich. Fotos: Dr. Peter Witzel

Korbach - Löst sich das Rätsel um den unbekannten Korbacher Franziskanermaler? Wissenschaftler untersuchen mit einer Infrarotkamera die beiden fast 500 Jahre alten Altarbilder.

Hohe Gerüste vor dem Altar, Fachleute richten penibel Scheinwerfer und ihre Spezialkamera aus und füttern ihre Laptops mit Daten - moderne Technik haben drei Frankfurter Forscher in der vorigen Woche in den beiden gotischen Kirchen der Hansestadt aufgebaut. Ihr Interesse gilt den prächtigen Altären: Für das Großprojekt „Mittelalterliche Retabeln in Hessen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfasst das Team auch die Altarbilder in der Kilians- und der Nikolaikirche.

Als Retabel bezeichnen Kunsthistoriker die hohen Bildtafeln hinter dem Altartisch. Oft sind sie mit ihm als Aufsatz verbunden. Die prächtig ausgestatteten Holztafeln zeigen meist Szenen aus dem Leben Jesu. Sie werden für das DFG-Großprojekt derzeit landesweit dokumentiert.

In den beiden Kirchen wurden an vier Tagen der vergangenen Woche im intensiven Arbeitseinsatz Infrarotaufnahmen hergestellt. Zum Team in Korbach gehörten die Frankfurter Kunsthistoriker Alexandra König, Katharina Grießhaber, Julia Liebrich und Benedikt Brebeck.

Was kann die Infrarot-Technik? Mit der Hilfe langwelliger - infraroter - Beleuchtung und einer Spezialkamera wird die Unterzeichnung sichtbar, die der Künstler mit schwarzer Tusche auf dem weißen Leim- und Kreidegrund der hölzernen Bildtafel aufgetragen hat. Die Unterzeichnung ist bereits detailliert mit allen markanten Linien, Schattierungen und Schraffuren, sozusagen ein genaues Schwarz-Weiß-Bild des späteren, farbigen Kunstwerks. Das Auftragen der Farben haben die Meister danach zu großen Teilen ihren Mitarbeitern und Gehilfen übertragen - der „Werkstatt“.

Daher gilt die Unterzeichnung als die eigentliche künstlerische Leistung. Die genaue Analyse dieser Zeichnungen offenbart vor allem die individuelle Handschrift des Künstlers und lässt nachträgliche Korrekturen, Retuschen, Übermalungen und auch Fälschungen sichtbar werden.

Die Hauptarbeit bei den Aufnahmen vor Ort besteht in der exakten Ausrichtung der hochwertigen Spezialkamera und der Justierung der Spezialscheinwerfer, so dass eine gleichmäßige, reflexfreie und stets gleichbleibend intensive Ausleuchtung gegeben ist. Ein Computer-Programm auf dem Laptop steuert dabei automatisch die große Zahl der kleinen, quadratischen Einzelaufnahmen und fügt sie zu einem Gesamtbild zusammen. Was so einfach klingt, erfordert eine akribische und exakte Teamarbeit.

Dazu war auch einige Zuarbeit vor Ort erforderlich: das Abräumen des Altars, das Freiräumen des Chorraums für ein etwa 2,5 Meter hohes Arbeitsgerüst, das ein Korbacher Gerüstbauers bereit gestellt hat, und nicht zuletzt das behutsame Auf- und Zuklappen der fast 500 Jahre alten, schweren Flügel des mehrflügeligen Wandelaltars in „Sankt Kilian“.

Korbacher Maler aufgewertet

Was ist von dieser Aktion zu erwarten? Der in der Vergangenheit eher etwas weniger beachtete Malermönch aus der Werkstatt der Korbacher Fanziskaner wird in eine Reihe gestellt mit all den großen Meistern wie Albrecht Dürer, Hans Holbein, Conrad von Soest oder Matthias Grünewald, aber auch mit den kleinen Retabelkünstlern in Hessen. Sicher wird ihm daher durch das Projekt etwas mehr Aufmerksamkeit zu Teil.

In Zukunft müssen sich Wissenschaftler oder Kunstinteressenten nicht mehr an den verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Quellen mühsam Fakten über ein Tafelbild und seinen Künstler zusammensuchen.

Eine moderne, hochaktuelle online-Datenbank und zwei umfangreiche 500 seitige Fachbücher mit Hinweisen auf alle Quellen und Links sollen Wissenschaftlern und Laien eine umfassende Information ermöglichen.

Und vielleicht führt die Analyse auch noch zu neuen Feststellungen und Detailerkenntnissen, so dass die Korbacher ihren Maler noch besser kennenlernen und eines Tages möglicherweise doch noch den Namen des anonymen Franziskanermönchs erfahren. Von Dr. Peter Witzel

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