Detlef Träbert referiert beim Adorfer „Schulforum“ über eine bessere Kommunikation in der Schule

„Frau Müller, wir müssen reden!“

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Detlef Träbert referierte beim Adorfer „Schulforum“.Foto: -sg-

Diemelsee-Adorf - Tipps für „gelingende Gespräche“ zwischen Lehrern und Eltern gab der Pädagoge Detlef Träbert in Adorf.

Aufgebrachte Eltern wollen die Klassenlehrerin ihrer Kinder loswerden, denn nur sie kann ja schuld sein, dass ihre Sprösslinge so schlechte Noten haben. Und so fordern sie per Unterschriftenliste: „Frau Müller muss weg!“ Die Verfilmung des Theaterstücks von Lutz Hübner war im Frühjahr ein Kassenerfolg – offenbar hat Regisseur Sönke Wortmann einen Nerv getroffen. Warum?

Der Kölner Diplom-Pädagoge Detlef Träbert gibt eine Antwort: Weil Gespräche zwischen Eltern und Lehrern immer wieder misslingen, weil es Missverständnisse gibt, die sich zu schweren Konflikten hochschaukeln können. Worauf es bei guten Gesprächen ankommt, erläuterte er am Mittwochabend beim Vortrag in der fast voll besetzten Aula der Mittelpunktschule. Lehrer wie Eltern waren gleichermaßen vertreten.

Beziehungen gestalten

Der ehemalige Lehrer räumte eine alte Lehrweisheit beiseite: „Kernaufgabe der Schule ist nicht der Unterricht, sondern das Gestalten von Beziehungen“, urteilte er. Ohne die könne das Lernen nicht funktionieren. Und um zu gestalten, müssten alle „effektiv und konstruktiv miteinander kommunizieren“. Das Problem sei, dass Eltern und Lehrer nicht gewohnt seien, miteinander zu reden, dass sie sich nicht gut genug absprächen, dass sie eben nicht an einem Strang zögen, wie es die vielfach beschworene „Verantwortungsgemeinschaft“ aus Schülern, Eltern und Lehrern erfordere.

Und es gebe unterschiedliche Erwartungen. Eine Klasse sei komplex, jedes Kind sei anders und habe seine besonderen Bedürfnisse. Doch Lehrer hätten im Unterricht nur begrenzt Zeit, auf sie einzugehen.

Dennoch forderten manche Eltern, die Schule solle ihr Kind „designen“, ihm also die Eigenschaften und das Wissen geben, das sie sich wünschten. Nur: „Die Erziehungsaufgabe der Eltern ist nicht delegierbar“, betonte Träbert, „Schule kann die Elternrolle nicht übernehmen.“ Das Gegenteil seien die teilweise aggressiv auftretenden „Helikopter-Eltern“, die bei jeder Lehrerentscheidung „das Wohl ihrer Kinder in existenzieller Gefahr sehen“.

Vorurteile eingestehen

Und Lehrer forderten von Eltern, sie sollten ihren Erziehungsaufgaben nachkommen. Dabei wolle das Gros der Eltern erziehen, „sie wollen, dass die Schüler gut durchkommen“.

Fazit: Beide Seiten hätten ihre Vorurteile. So müssten sie sich eingestehen, dass sie ratlos seien und dann gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen.

Kommunizieren bedeute, sich mitzuteilen, also Gedanken, Informationen oder Erwartungen zu teilen. Aber nur 20 Prozent der Kommunikation mache die Sprache aus, 80 Prozent bestimmten unbewusst übermittelte Faktoren wie die Körpersprache oder der Tonfall. Deshalb sei das persönliche Gespräch so wichtig.

Eltern und Lehrer müssten auch die Auswirkungen der „heimlichen Miterzieher“ besprechen – denn auch Medien, Freunde oder die Reklame beeinflusse die Kinder. Sie müssten ergründen, was hinter einem auftretenden Problem wie nachlassender Leistung stecke. Und sie müssten sich bewusst machen, dass sie dabei einen unterschiedlichen Blickwinkel auf ein Kind hätten. Das trage dazu bei, sich ihm besser anzunähern. Und das sei die Voraussetzung, um Wege zur Hilfe zu finden. Wichtig sei auch die Einfühlung.

Träbert sprach auch die Frage der Autorität an. Er forderte, Erwachsene müssten als „klare Menschen“ auftreten, die „klare Standpunkte“ hätten. Ihre Kinder bekämen klare Ansagen: Ja oder Nein. Er empfahl, sich abzustimmen und „eine gemeinsame Haltung zu erzielen“, ob zwischen Eltern und Lehrern oder unterhalb der Eltern. Es wirke, wenn das Kind merke: „Die reden ja über mich.“

Und wie sollten sich Eltern und Lehrer begegnen? „Die Gesprächskultur ist wichtig“, erklärte Träbert. Das fange an bei einer angenehmen Atmosphäre, dem einladenden Ambiente des Treffpunkts. Weitere Punkte:

Die Teilnehmer sollten freundlich und unvoreingenommen ins Gespräch gehen und sich eventuelle Vorbehalte vorher bewusst machen.

„Türöffner“ signalisierten Interesse an anderen; Beispiel: „Was kann ich für Sie tun?“

„Killerphrasen“ als Machtdemonstration seien zu vermeiden, etwa: „Das müssten Sie als Lehrer/als Mutter doch wissen!“ Dies habe negative „Neben- und Nachwirkungen“ und führe nur von der eigentlichen Sache weg.

Aktiv zuhören: Es gelte zu versuchen, den Gesprächspartner zu verstehen und seine Sorgen oder Ängste ernst zu nehmen, das führe oft zur Wurzel des Problems. Und könnten Leute über ihre Emotionen sprechen, kämen sie oft selbst auf eine Lösung. Träbert: „Die besten Gespräche sind die, bei denen ich selbst am wenigsten rede.“

Aussagen kontrollieren: Was ist mit dem Unterschied zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten? Ist ein Anliegen auch beim anderen angekommen? Am Modell der „vier Ohren“ von Friedemann Schulz von Thun machte Träbert auf die verschiedenen Ebenen des Verstehens aufmerksam, dies könne zu Missverständnissen oder Ärger führen. „Je nach Ohr kann es einen Konflikt oder ein konstruktives Gespräch geben.“

Gespräche „operationalisieren und evaluieren“; Beispiel Hausaufgaben: Eltern und Lehrer sollten Vereinbarungen treffen und bei weiteren Gesprächen kontrollieren, ob sie eingehalten werden. Wenn sie nicht funktionierten, seien sie zu konkretisieren. Auch Rahmenbedingungen seien zu beachten: Was könnten etwa die Eltern leisten – und was nicht?

„Die Kultur des Dankes ist wichtig“, betonte Träbert. Eltern wie Lehrer sollten loben und sich positive Rückmeldungen geben. „Über Dank und Anerkennung zu kommunizieren, macht eine Beziehung positiver.“

Und so wandelte der Pädagoge den Filmtitel etwas ab und formulierte als Leitthema auch fürs „Schulforum“ in Adorf: „Frau Müller, wir müssen reden!“

Von Dr. Karl Schilling

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