„Parsifal“ im Staatstheater · Verrückte Parameter bei Wagners Bühnenweihfestspiel

Frischer Blick mit blinden Flecken

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Sakrileg: Kundry (Ursula Füri-Bernhard) und Amfortas (Espen Fergran) im Bad. Foto: Klinger

Kassel - Beachtliche Sängerleistungen und ein Dirigat, das viel zum Werkverständnis beiträgt, machen den „Parsifal“ in Kasseler Staatstheater trotz mancher Einwände zum echten Bildungserlebnis.

„Siegfried als Mönch“, so lautete eines der vernichtenden Verdikte Friedrich Nietzsches über Richard Wagners Parsifal. Zum Titelhelden ist Helen Malkowsky in ihrer Kasseler Neuinszenierung nicht allzu viel eingefallen, ihr Parsifal bleibt ein Waisenkind, das niemand je an die Hand genommen hat und das auch keine nachvollziehbare Entwicklung zum Erlöser oder Gralskönig durchmacht.

Stattdessen hat die Regisseurin ein schlüssiges Liebesdrama in der Nachfolge von Tristan und Isolde auf die Bühne gebracht. Kundry bleibt nicht als Quotenfrau oder Herbergsmutti in der Gralsgemeinschaft, sondern stirbt selbstbestimmt ihren Liebestod.

Kongeniales Orchester

Szene und musikalische Ebene arbeiten in dieser Produktion konsequent Hand in Hand. Die erste verwertbare Andeutung des nie zu Ende gegangenen Liebesverhältnisses zwischen Kundry (Ursula Füri-Bernhard) und Amfortas (Espen Fergran) kommt aus dem Orchestergraben und zwar an unverdächtiger Stelle beim Dankgespräch für den Balsam: Amfortas’ „Muss ich dir nochmals danken, du rastlos schöne Magd“ begleitet ein unverhofft intensives Echo der großen Liebesduette von Tristan und Isolde oder Siegmund und Sieglinde. Im weiteren Verlauf der Szene gewinnt Kundrys ablehnendes „Fort, fort ins Bad“ rasch eine andere Dimension. Denn nicht viel später tauscht die Gralsbotin mit einem der Knappen die Kleider, um den verwundeten König ins Bad zu begleiten.

Diese Kundry durchdringt sämtliche Bereiche der vermeintlichen Männerwelt im Gralsklinikum. Während Oberarzt Gurnemanz (Mario Klein) ausführlich die nächsten Kapitel der Vorgeschichte erzählt, sieht man im Hintergrund, wie Amfortas und Kundry beieinander liegen.

Am vorderen Bühnenrand liegt indessen Amfortas mit erneut blutender Wunde, als Opfer des zweiten Konflikts, den die Kasseler Produktion mit absoluter Härte zeigt: den gnadenlos ausgetragenen Vater-Sohn-Konflikt mit Titurel (Krzysztof Boryszewicz). War die Umkleide des Klinikbades („Gralswald“) von einer Blutspur in Bauchhöhe von Amfortas gezeichnet, so betritt der sonst so blutrot befleckte Gralskönig mit makellosem Bauch als vermeintlich Genesener den Tempel. Allerdings meldet sich Titurel nicht aus der Gruft, sondern stößt bei „Mein Sohn Amfortas, bist du am Amt?“ seine beiden Stöcke in die Wunde, die prompt wieder aufplatzt, während die Schuld so lange wieder aufgerührt wird, bis der amtierende Gralskönig liegen bleibt und Titurel das Ritual vollziehen muss.

Impotente Doppelgänger?

Klingsor, der böse Zauberer, ist als devoter Voyeur angelegt, der den Disput mit der von ihm heraufbeschworenen Kundry in geduckter Haltung führt. Er trägt den gleichen Matrosenanzug wie Parsifal, wodurch Helen Malkowsky eine geschickte Parallelisierung der Gegenspieler gelingt. Durch die Kleidung stehen der Impotente und der Unwissende auf einer Stufe. Da sich Marc-Oliver Oetterli zudem jeglicher Schurkenschwärze enthält, entfällt auch der sonst starke stimmliche Kontrast. Auf der Bühne ist Klingsor die ganze Zeit präsent und agiert als verschüchterter Helfer, der brav das Familienalbum aufschlägt, wenn Kundry vom „Kind an seiner Mutter Brust“ singt.

Bevor es zwischen dem reinen Toren und der nur allzu Wissenden wesentlich werden kann, startet er allerdings mit einer Reihe von Speeren ein Ablenkungsmanöver wie ein eifersüchtiger kleiner Bruder. Ein interessantes szenisches Alternativangebot zum aus den Kulissen steigenden Schurken samt Speerwurf.

Passivposten Parsifal

Zu den Enttäuschungen dieser in Sachen Amfortas und Kundry durchaus beeindruckenden Inszenierung gehört zweifellos die Leerstelle Parsifal. Szenisch wird nie so recht deutlich, woran Parsifal den richtigen Speer erkennt oder welche Auswirkungen die Szene mit Kundry haben könnte. Insofern sind die Szenen mit dem Haupthelden im dritten Akt allenfalls albern, wenn nicht gar nichtssagend. Rein stimmlich steht Christian Eisner seinen Mann, lässt aber des „Mitleids höchste Kraft“ oder auch geringfügigere Formen des Mitgefühls bei der Textausdeutung vermissen.

Geradezu mustergültig in Sachen Rollengestaltung agiert dagegen Mario Klein, der den extrem langen Gurnemanz-Part nie altväterlich oder gar monoton werden lässt. Als Liebender kann Espen Fergran nur für einen Moment als Sänger glänzen, als siecher Gralskönig durchschreitet er überzeugend sämtliche Stadien zwischen abgeschlagen und schmerzvoll aufbegehrend bis zum Verstummen. Krzysztof Boryszewicz verkörpert darstellerisch wie stimmlich einen überwältigend bösartig bis sadistischen Titurel, der auch keinen Platz für einen noch böseren Klingsor lässt. (ahi)

Eine allzu starke darstellerische Differenzierung der Kundry in den unterschiedlichen Akten wäre dem Regiekonzept zuwidergelaufen, Ursula Füri-Bernhard setzte in allen drei Akten auf ihre starke persönliche und stimmliche Präsenz und überzeugte durchweg.

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