Zahlen und Fakten

Frischer Wind fürs Landleben

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Diemelsee-Adorf - Wind, Wasser, Wälder, landwirtschaftliche Nutzfläche: Ländliche Regionen wie Waldeck-Frankenberg sind prädestiniert, um die Energiewende in Hessen voranzutreiben. Davon sind die CDU-Landespolitiker Armin Schwarz (Bad Arolsen) und Peter Stephan (Mörlenbach) überzeugt.

Unter dem Titel „Erneuerbare Energien im ländlichen Raum“ hatten die Diemelseer Christdemokraten am Montagabend in den Adorfer Gasthof „Zur Linde“ eingeladen, um laut Vorsitzendem Jan-Wilhelm Pohlmann über dieses „zukunftweisende Thema“ zu informieren. Gerade mit Blick auf den Jahrestag der Fukushima-Katastrophe am 11. März habe er die Einladung gern angenommen und an den Energieexperten der Landtagsfraktion weitergeleitet, erklärt der neue CDU-Kreisvorsitzende Armin Schwarz mit Blick zu seinem Kollegen Peter Stephan.

Stephan, Landtagsabgeordneter für Bergstraße, Odenwald und Neckartal, fungiert in Wiesbaden als umwelt- und energiepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. In einem rund halbstündigen Vortrag zum Thema „Energie in Hessen – sicher, sauber, bezahlbar“ erläutert er den Zuhörern zunächst die Eckpfeiler der hessischen Energiepolitik.

Energiegipfel mit Folgen „Fukushima hat uns gezwungen, die Energiewende früher einzuläuten, da die Reaktorka­tas­trophe die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Kernenergie verändert hat“, erklärt Stephan. Dem Ausstieg aus der Kernenergie müsse nun der Umstieg auf erneuerbare Energien folgen, hebt der Südhesse hervor. Dieser gelingt aus seiner Sicht aber nur unter folgenden Voraussetzungen: l?Zunächst gilt es, Energie zu sparen. l?Zugleich muss die Nutzung erneuerbarer Energie ausgebaut werden, und zwar „wirtschaftlich vernünftig, sozial gerecht und mit Verantwortung für die Schöpfung“, verweist Stephan auf die Ergebnisse des „Hessischen Energiegipfels“, zu dem Ministerpräsident Volker Bouffier wenige Tage nach der Katastrophe in Japan „alle gesellschaftlichen Gruppen an einen Tisch“ geholt hatte.

Solarförderung kürzen Als gerecht bezeichnet Stephan zum Beispiel die geplanten Einschnitte bei der Solarförderung. Ein Großteil der aus Steuergeldern finanzierten Einspeisevergütung werde investiert, um einen vergleichsweise geringen Anteil Strom aus Solarenergie zu gewinnen, erklärt er. „Ich bin aber überzeugt, dass die Leute weiterhin Photovol­taik­anlagen bauen werden“, betont der Fachmann.

Erst wenige Stunden vor seinem Vortrag in Adorf hatte er die Solarexperten von SMA in Niestetal besucht. Die aus seiner Sicht wichtigsten Vereinbarungen, die beim Gipfel getroffen wurden, listet Stephan in Adorf detailliert auf: l?Um Energie zu sparen, unterstützt das Land entsprechende Gebäudesanierungen (Dämmung etc.). Zuschüsse gibt es künftig auch für effizientere Geräte, zum Beispiel Heizungspumpen. l?Erneuerbare Energien werden stärker gefördert. Ziel ist laut Stephan, 2050 „möglichst“ 100 Prozent des hessischen Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen.

Die Bundesregierung visiere 80 Prozent an. Waldreiche, windhöffige Regionen mit starker Landwirtschaft wie Wal­deck-Frankenberg leisten aus Sicht des Experten bereits einen guten Beitrag. Ein Beispiel: In Hessen drehen sich derzeit rund 600 Windräder. Rund ein Zehntel davon stehen allein in der Gemeinde Diemelsee. Windräder haben Vorrang l?Spezielle Förderung von Bioenergieanlagen: Statt eines einmaligen Zuschusses für den Bau bietet das Land künftig Bürgschaften für den Rückbau, „die gerade kleinere Landwirte oft schwer bekommen“. l?Spezielle Förderung der Windkraft: „Windkraftanlagen greifen am stärksten in die Landschaft ein, aber sind die effizienteste Form der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien“, erklärt der Christdemokrat, warum die Landesregierung in Zukunft vor allem auf Windkraft setzt.

Um die gesteckten Ziele zu erreichen, sollen zwei Prozent der hessischen Landesfläche als Windvorrangflächen ausgewiesen werden. Windhöffigkeit, Abstand zur Wohnbebauung (1000 Meter), und naturschutzrechtliche Aspekte können Ausschlusskriterien sein, Waldflächen allerdings nicht mehr. Die Konzentration in Windparks soll den Flächenbedarf minimieren. Die Anlagenhöhen wollen die Christdemokraten aber ebenso wenig eingrenzen wie das Repowering. l?Es gilt, Speichermöglichkeiten für überschüssigen Strom aus erneuerbarer Energie zu entwickeln. Aus Windstrom kann laut Stephan zum Beispiel Gas erzeugt werden, das in das Erdgasnetz eingespeist wird (Methanisierung). Bürger mitnehmen l?Ziel der hessischen Energiepolitik ist darüber hinaus, dass die Bürger, die auf die Windräder schauen, mehr als zuvor finanziell von ihnen profitieren.

Gleiches gelte laut Stephan für die Kommunen, „damit die Wertschöpfung in der Region bleibt“. Um die Bürger mitzunehmen, müssten die Kommunalpolitiker sie frühzeitig über geplante Projekte informieren und Beteiligungsmodelle entwickeln. Das Umweltministerium wird diesen Prozess künftig durch Mediatoren und Informationsveranstaltungen unterstützen. Die Zusammenarbeit mit Nachbarkommunen ist aus Sicht der Landespolitiker ebenso wünschenswert wie die mit heimischen Unternehmen wie Energieversorgern. Dieses Zusammenspiel ist laut Schwarz sogar ein Muss, damit sich Kommunen gemäß Hessischer Gemeindeordnung beteiligen können. Den Gemeinden rät Peter Stephan klar dazu, kommunale Flächen für künftige Vorhaben zu nutzen: „Ich weiß, dass man damit dem ein oder andern (Wald-)Bauern auf die Füße tritt, aber die Pachteinnahmen sind sicher.“ Bis Gewerbesteuer fließe, gehe durch Abschreibungen etc. stets eine Weile ins Land. „Kreis ist prädestiniert“ „Auf kommunaler Ebene müssen wir agieren und nicht abwarten“, ruft Kreisvorsitzender Schwarz auf, sich in Waldeck-Frankenberg noch aktiver an der Energiewende zu beteiligen.

„Unser Landkreis ist dafür prädestiniert, wenn wir das Thema richtig kommunizieren.“ Dass sich vor allem Investitionen in Windkraftanlagen vor Ort lohnen, verdeutlicht Stephan anhand der „Windressourcenkarte“ des Umweltministeriums. Großes Potenzial für den ländlichen Raum sehen auch die Diemelseer bei der anschließenden Diskussion. „Tourismus und Landwirtschaft stag­nieren“, warnt Diemelsees Erster Beigeordneter Eckhard Köster (CDU, Sudeck). Außerdem müssten in Zukunft immer weniger Bürger für den Erhalt der Infrastruktur aufkommen, verweist er auf den demografischen Wandel.

„Wenn wir Standorte haben, wo kompakte Windparks möglich sind, sehe ich in der Energiepolitik eine große Chance für unsere Region“, hofft der Landwirt, künftig auch Erträge aus der Ernte des Windes zu akquirieren. Strom durch See speichern „Wir müssen allerdings aus den Fehlern der Vergangenheit lernen“, räumt CDU-Abgeordneter Jörg Weidemann (Sudeck) ein. Da bislang vor allem auswärtige Investoren in Diemelsee bauten, fließt nur ein geringer Teil der Gewerbesteuer in die kommunale Kasse. Gerade vor diesem Hintergrund haben einige Bürger jedoch alternative Ideen entwickelt, um vor allem aus Windkraft „Kohle“ zu machen. Einige Beispiele: l?Bei Rhenegge haben Grundstückseigentümer eine Gesellschaft gegründet und wollen zusammen mit der VEW, einem Schwesterunternehmen der Energie Waldeck-Frankenberg, einen weiteren Windpark mit Bürgerbeteiligung errichten.

Damit 100 Prozent der Gewerbesteuer in der Kommune bleiben, soll die Betreibergesellschaft in Diemelsee sitzen. Mitinitiator Karl-Friedrich Bornemann würde später sogar gern mit „grünen Strom-Zertifikaten“ handeln. l?Karl Fischer (Stormbruch), Vertreter der Waldecker Waldbesitzer, verweist darauf, dass Windkraft im Wald ein immer interessanteres Thema werde und dass selbst Tourismushochburgen wie Willingen nicht zurückschreckten, Flächen zu prüfen.

Stephan: „Windkraft und Tourismus schließen sich nicht aus. Im Vogelsberg wächst beides.“ Bornemanns Vision, Energiepolitik und Tourismus zu kombinieren, geht noch weiter. Er schlägt vor, den überschüssigen, aus Windenergie erzeugten Strom mithilfe des Diemelsees zu speichern. Wasser wird – wie am Edersee, aber mit „grünem Strom“ – auf den Eisenberg gepumpt und bei Bedarf an das Kraftwerk unterhalb der Staumauer abgegeben. Stephan: „Wir sollten uns mal unterhalten, denn auch so kann eine Kommune von der Energiewende profitieren.“ (nv)

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