Bilingualer Gottesdienst in Flechtdorf zur Einführung von Claudia Frank als Gehörlosenseelsorgerin

Mit Gebärden zu Gott finden

Diemelsee-Flechtdorf - Stille, um auszuruhen und zur Besinnung zu kommen, wünschen sich viele Menschen im Advent. Gehörlose würden den Trubel der Vorweihnachtszeit gern einmal mit allen Sinnen erleben. Beide Welten will die Flechtdorfer Pfarrerin Claudia Frank als Seelsorgerin für Gehörlose im Landkreis in Zukunft zusammen führen.

Als Kind tauber Eltern ist Claudia Frank „zwischen den Welten“ aufgewachsen. „Gehörlosigkeit wird als Behinderung absolut unterschätzt“, hatte sie der WLZ im Oktober 2010 berichtet, als sie die Gehörlosengemeinde Korbach gerade übernommen hatte. Durch den mit einer Viertelstelle verbundenen Zusatzauftrag der Landeskirche gleicht sie die Pfarrstellenkürzung im Kirchspiel Flechtdorf aus. Warum die Diemelseerin erst am Sonntag offiziell als Gehörlosenseelsorgerin vorgestellt wurde, erklärt sich mit einer längeren Erkrankung der Theologin. Beim Festgottesdienst in der Klosterkirche wird eins schnell klar: Claudia Frank gilt für die zuständigen Vertreter der Landeskirche als Idealbesetzung. „Gehörlose und Hörende bewegen sich in zwei Welten“, betont Pfarrerin Nicola Haupt, Beauftragte für Sonderseelsorge in der Landeskirche. „Sie sind die Richtige für diesen Zusatzauftrag, weil sie Kultur und Sprache der Gehörlosen aus dem Elternhaus kennen. Sie verstehen die Gehörlosen.“ Claudia Frank beherrscht nicht nur die Gebärdensprache und das internationale Fingeralphabet, sie unterrichtete auch gehörlose Kinder in Religion. Weitere Pluspunkt: Sie weiß laut Nicola Haupt um den hohen Stellenwert der Gemeinschaft unter den Gehörlosen. Durch das Engagement ihrer Eltern in der Gehörlosengemeinde Essen hatte Claudia Frank früh erfahren, auf welchen Wegen Gehörlose mithilfe von Gebärden zu Gott finden. Ihr verstorbener Vater Gisbert Frank war Deutschlands erster gehörloser Prädikant. Dass der Glaube an Gott Grenzen zwischen den genannten Welten überwinden kann, zeigt der gut besuchte Gottesdienst in der Klosterkirche eindrucksvoll: Natürlich ist alles ein bisschen anders als sonst. Die ersten Bankreihen sind bis auf den letzten Platz besetzt. „Gehörlose hören mit den Augen und sprechen mit den Händen“, erklärt Nicola Haupt, warum ein hohes, von überall einsehbares Podest an diesem Sonntag die Kanzel ersetzt. Ob Lobpreis, Glaubensbekenntnis oder Gebet – in der Liturgie wechseln sich Gebärdensprache und Lautsprache ab. Für diejenigen, die dem Pfarrer gerade nicht folgen können, übersetzt ein Kollege in die jeweils andere Sprache. Bei den Gebärdenliedern ermutigt Pfarrer Lutz Käsemann, Beauftragter für Gehörlosenseelsorge der Landeskirche, die hörende Gemeinde mitzumachen. Die Handzeichen wirken bei den meisten zwar etwas unkoordiniert, aber auf diese Art reichen sich Gehörlose und Hörende an diesem Tag die Hand. „Wir brauchen Pfarrer wie Claudia Frank, die Brücken bauen“, stellt Nicola Haupt klar, während sie der Flechtdorferin ein Kreuz mit dem segnenden Christus überreicht. Es soll daran erinnern, dass „wir über alle Barrieren hinweg“ durch Gott(es Sohn) verbunden sind. Gottes Segen für den wichtigen Dienst der Gehörlosenseelsorge erbitten sowohl Nicola Haupt als auch Dekanin Eva Brinke-Kriebel für Claudia Frank. In der anschließenden Predigt, die Claudia Frank in Gebärdensprache hält, veranschaulicht sie zwei Probleme, mit denen Gehörlose zu kämpfen haben:  Nichts zu verstehen, isoliert.  Eine nicht offensichtliche Behinderung zu haben, beschert Gehörlosen im Alltag oft rüde Beschimpfungen. Die alltäglichen Episoden, die Claudia Frank erzählt, gehen unter die Haut: Da ist zum Beispiel die taube Lena, die bei der Einkaufstour mit der hörenden Schwester zwar dabei sein darf, aber nicht mitlachen kann, wenn ein Freund einen Witz erzählt. Zu Weihnachten wünscht sich Lena, daher dass alle Menschen eine Sprache sprechen und sie nicht mehr allein ist. „Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen“, bringt es Claudia Frank mit einem Zitat der US-Schriftstellerin Hellen Keller auf den Punkt. „Gehörlose erleben jeden Tag Verletzungen ihrer Seele. Sie fühlen sich als Menschen zweiter Klasse.“ Der Glaube aber könne Grenzen überwinden, ist die Flechtdorferin überzeugt. „Für die Zeiten, in denen wir sofort Trost brauchen, hat Gott uns Jesus geschickt – und deshalb feiern wir Weihnachten“, lächelt die Pfarrerin, die diese frohe Botschaft künftig stets bilingual predigt. Bei allen guten Worten macht Claudia Frank allerdings kein Geheimnis daraus, dass ihr die Entscheidung, den Zusatzauftrag zu übernehmen, aus zwei Gründen nicht leicht gefallen ist: Früher hat sie das Leben zwischen den Welten häufig überfordert und heute fordert die neue Struktur im Kirchspiel Flechtdorf das Pfarrerehepaar Frank immer wieder aufs Neue. Für Flechtdorfer, Wirmighäuser und Benkhäuser sei der Zusatzauftrag Verlust und Gewinn zugleich, erklärt Kirchenvorsteher Ulrich Faß-Gerold und findet klare Worte: „Das Z steht nicht nur für Zusatz, sondern zugleich für Zumutung, Zweifel und Zwiespalt.“ Dass daraus auch Zuversicht, Zuspruch und Zugewinn wachsen, schließt er jedoch nicht aus. Wie sich beide Gemeinden künftig gegenseitig bereichern können, „hätten wir viel eindrücklicher als heute nicht erleben können.“ Von Natalie Volkenrath

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