Gebürtige Korbacherin Anne Chavez-Siebenborn legt Roman vor

Gefangen im Familiengewebe

Korbach/Frankfurt - Wie kommt es, dass Eltern nicht nur Vorbilder für gelingendes Leben sind, sondern mit den eigenen Irrtümern und Lebenslügen auch ihre Kinder belasten? Und wirken diese Fehler tatsächlich bis in die dritte und vierte Generation? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Roman, den eine gebürtige Korbacherin geschrieben hat.

„…als würde ein innerer Singvogel ihre Bewegungen nach einer nur von ihr vernehmbaren Melodie dirigieren“: Es sind Sätze wie diese, die den Roman in eine bewegende Geschichte verwandeln. Sie handelt von Micha. Mit Ende 40 (1995) findet sich der frühere Bauingenieur, der in einem Kino arbeitet, in der Psychiatrie wieder. Er hat versucht, mit dem Messer auf seine Mutter einzustechen. Eine Kurzschlusshandlung, verursacht durch schmähende Bemerkungen der Mutter über Michas Vater.

Nun ist Micha gezwungen, sich seiner Biografie zu stellen. Wie es ihn kränkte, dass die Mutter fremdging und seinen Vater nach Strich und Faden betrog. Wie hilflos er war, als die Mutter ihn zum Komplizen machte. Wie es ihn drängte, den Vater zu verteidigen - und er scheiterte. Jahrzehntelang bewahrte er die Wut in sich. Dann lassen scheinbar nur so dahingesagte Worte seine Seele bersten. Auf einmal liefern die Kränkungen seiner Kindheit und Jugend, seine damaligen Verstrickungen in einem Netz aus Lüge und Heimlichkeit die Energie für diesen Ausbruch. Mit dem Messer will er nun endlich den längst verstorbenen Vater verteidigen, denn als Jugendlicher war er noch gefangen in seiner Abhängigkeit als Vertrauter und Geheimnisträger der Mutter.

Michas ins Erwachsenenalter verschleppte Probleme lassen seine Tochter, die er zeitweise alleine erzieht, nicht unberührt. Trotz allen guten Willens, die Fehler der Eltern zu vermeiden, trifft er fragwürdige Entscheidungen im Kampf mit der Ehefrau um Einfluss auf die Tochter und ihre Zuneigung.

Allmählich begreift Micha, wie Geschichte vererbt wird. Wie er im Familiengewebe gefangen ist. Und wie selbst die nächste Generation noch in Haftung genommen wird. Er will es besser machen mit seiner Tochter Ella, versucht trotz seelischer Bedrängnis ein erfolgreiches Leben. Es gelingt ihm nur teilweise. Zwei gescheiterte Ehen verlangen ihren Preis an seelischer Kraft.

Es ist letztlich Michas Kinoleidenschaft, aus der er Kraft schöpft, den schwierigen Lebensabschnitt zu überstehen; die ihm Hoffnung und am Ende sogar eine neue Perspektive gibt. „Ich wollte es gut ausgehen lassen“, schildert die ebenfalls filmbegeisterte Autorin ihren Beweggrund. Das Buch ist ein Plädoyer, sich zu versöhnen, sagt Anne Chavez-Siebenborn. Auch wenn Wunden tief sitzen und die Grenze zwischen elterlicher Vereinnahmung und psychischem Missbrauch überschritten wurde. Ein Bibelzitat hat die 1946 in Korbach geborene, seit 2011 pensionierte Gymnasiallehrerin (Deutsch, Englisch, Spanisch) ihrem Erstlingswerk vorangestellt: „Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ (Ezechiel 18,2)

Anne Chavez-Siebenborn beschreibt eine Suche nach Wegen aus Abhängigkeit und Gewissensqualen. Michas Aufenthalt in der Psychiatrie verschafft ihm die Gelegenheit, einen Neuanfang zu wagen. Um den Alltag auf der Station eines solchen Krankenhauses zu beschreiben, zwischen Therapiegesprächen und Mitpatienten, die in ihrer eigenen Welt leben, habe sie viel recherchiert und die Passagen von einer befreundeten Psychiaterin beurteilen lassen. Zwei Jahre hat die Autorin intensiv an ihrem ersten Roman gearbeitet. Die frühen Morgenstunden waren dafür am besten geeignet, konsequent und diszipliniert zu schreiben, „nur so funktioniert es“, sagt die Autorin über ihr erzählerisches Handwerk.

Nach einer Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notargehilfin holte sie auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach, um anschließend in Frankfurt Germanistik und Anglistik zu studieren. Als Lehrerin war sie seitdem in Hanau tätig.

Ihr literarisches Schaffen beschränkte sich bis zu ihrem Ruhestand hauptsächlich auf Kurzgeschichten oder Glossen, die sie nebenher oder in den Ferien verfasste und die unveröffentlicht blieben. Ein zweiter Roman sei bereits in Vorbereitung. „Darin wird auch Korbach eine Rolle spielen“, verrät sie. Entsprechend stärker kämen autobiografische Bezüge zum Tragen.

Anne Chavez: Bis ins dritte und vierte Glied, CoCon-Verlag Hanau 2015, ISBN 978-3-86314, 16,80 Euro, 344 Seiten.

Von Thomas Kobbe

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