Diskussion über Projekte, die den Diemelsee attraktiver machen könnten

Gemeinden ziehen an einem Strang

Diemelsee/Marsberg - Über die Landesgrenze hinweg arbeiten Marsberger und Diemelseer zusammen, um die touristische Infrastruktur auszubauen.

Am letzten Liegestuhl des Cafés und Restaurants „Jack Sparrow“ überquert die „MS Muffert“ die Landesgrenze und gleitet ruhig durchs Wasser von Nordrhein-Westfalen nach Hessen. Die Passagiere wüssten es nicht, würde sie der Kapitän nicht per Durchsage darauf aufmerksam machen. Auch Urlauber wandern oder radeln bei ihren Touren entlang des Diemelsees über die unsichtbare Linie, die zwei Bundesländer, Kreise und Kommunen voneinander trennt. „Der Gast bemerkt die Landesgrenze nicht, das will er auch nicht“, sagt Bürgermeister Volker Becker. „Er will sich erholen.“ Für die Anlieger rund um den Stausee ergibt sich daraus nach Ansicht des Verwaltungschefs: „Marsberger und Diemelseer müssen besser zusammenwirken, wir müssen gemeinsam etwas verändern.“ Genau das passiert inzwischen – dem Nordrhein-Westfälischen Förderprogramm „Regionale 2013“ sei dank. Es hat in beiden Kommunen Projekte angestoßen, die derzeit umgesetzt werden. Über den Stand informierten sich am Donnerstagabend zahlreiche Interessenten aus Waldeck und Westfalen auf der neuen „Interaktionsfläche“ nahe der Sperrmauer: In der Reihe „Gespräche an den Seen“ ging es um die Vorhaben, die den Diemelsee attraktiver machen sollen. Das umgestaltete Gelände am Fähranleger ist eines davon. Der Geschäftsführer der Südwestfalen-Agentur, Dirk Glaser, stellte die Ziele der Landesförderung vor. Die 6200 Quadratkilometer große Region Südwestfalen mit ihren fünf Kreisen und 59 Kommunen sei mit seinen vielen mittelständischen Unternehmen der industrielle Motor des Bundeslandes. Allerdings leide auch sie unter dem Bevölkerungswandel und dem Wegzug junger Leute. Deshalb müsse sie viel intensiver auf ihre Stärken hinweisen: „Wir haben eine Menge zu bieten.“ Um Südwestfalen attraktiver zu machen, habe die Landesregierung das Strukturförderprogramm „Regionale 2013“ aufgelegt: Für zwei, drei Jahre komme sie bevorzugt an Gelder von Europäischer Union, Bund und Land. Wichtig: Die Region müsse nachweisen, „dass sie gemeinsam hinter dem Projekt steht“. Seine Agentur habe die Aufgabe, diesen Geist dauerhaft aufkommen zu lassen. „Wir müssen zeitgemäß unterwegs sein – der Anfang ist gemacht“, betonte Glaser. Von 133 eingereichten Projekten würden 42 mit einem Investitionsvolumen von rund 300 Millionen Euro umgesetzt, sie würden zu mehr als 50 Prozent gefördert. Die touristischen Angebote seien nicht nur für Urlauber gedacht, „sondern auch für die Menschen, die hier leben“. Insofern sei jedes Projekt im Fremdenverkehr auch ein „wichtiges Projekt für die Infrastruktur“. Viel wichtiger sei jedoch, dass sich Kommunalpolitiker, Unternehmer und Dorfgemeinschaften durch die „Regionale“ besser kennengelernt hätten. Denn am Ende dieses Jahres laufe das Programm aus, dann „muss es mit dem gemeinsamen Handeln losgehen, dann müssen wir aus eigener Kraft vorangehen“, sagte Glaser. Sein Befund: „Wir sind auf einem guten Weg.“ Ein Baustein ist das Gesamtprojekt „Sauerland-Seen“ für die Kommunen an den fünf westfälischen Stauseen. Im Falle des Diemelsees sind – wie berichtet – länderübergreifend auch die Waldecker mit einbezogen. Marsberg sei seit 2011 dabei, berichtete die Allgemeine Vertreterin des Bürgermeisters, Maria Lindemann. Zunächst sei geplant gewesen, Radwege und Auen der Diemel zu verbessern. Doch das sollte mehr als eine Millionen Euro kosten – zu viel fürs Stadtsäckel. So hätten sich die Marsberger auf den See konzentriert: Drei Projekte mit einem Umfang von 336 000 Euro würden umgesetzt, um die Aufenthaltsqualität für die Besucher zu erhöhen. Eigenanteil der Stadt: 130 000 Euro. Der Geschäftsführer des Stadtmarketings und der Wirtschaftsförderung, Rüdiger Nentwig, stellte die Vorhaben vor. Bilder zeigten die Situation früher und heute. l  Der Parkplatz mit dem Fähranleger nahe der Sperrmauer habe einen Charme der 1970er-Jahre verströmt, urteilte Lindemann, er sei wenig einladend gewesen. Jetzt entstehe an den Parkplätzen eine „Interaktionsfläche“ mit Aussichtsturm, sagte Nentwig. Sie solle die Besucher empfangen und ihnen erste Informationen an die Hand geben. Die obere Promenade werde gepflastert und biete Ausblicke auf den See. Die untere Promenade garantiere den barrierefreien Zugang zum Fahrgastschiff. Auch der Kiosk und das Fährhaus seien mit eingebunden: „Die Privaten setzen sich ebenfalls ein.“ Außerdem sei der Platz ein „Tor“, also Startpunkt, der Sauerland-Waldroute. l  Am Fuß- und Radweg zur Staumauer sei die alte Leitplanke bereits entfernt worden, sagte Nentwig. Dadurch wirke die Verbindung gleich viel freier. Im Bau sind noch zwei Aussichtsplattformen, die in den See hineinragen sollen und Ausblicke auf den Eisenberg und den Muffert bieten. l  Unterhalb der Staumauer führt ein Rundweg um das Ausgleichsbecken. Er soll barrierefrei ausgebaut werden und eine Aussichtsplattform und eine „Ruheoase“ erhalten. Mit diesen Punkten steige die Qualität des Sees auch für die Naherholung, sagte Nentwig, „da sind wir ein Stück weit stolz drauf.“ Sein selbstbewusstes Fazit: „Wir sind das Tor zum Sauerland und zu Südwestfalen.“ Volker Becker ging auf die Projekte auf der Waldecker Seeseite ein. Er erinnerte daran, dass schon vor 2010 der 2,2 Kilometer lange Rad- und Gehweg von Heringhausen zur Sperrmauer gebaut worden sei – trotz der Probleme wegen der Landesgrenze. Es sei bedauerlich, dass Fördergelder nur bis zur Grenze gewährt würden oder dass die Ranger der Sauerland-Waldroute ihre Führungen dort enden lassen müssten. „Der Schritt über die Grenze muss mal kommen“, forderte er. Entsprechend setzt Diemelsee bei den „Regionale“-Projekten auf die Interkommunale Zusammenarbeit. So hätten sich am „Bürgerworkshop“ zur Ideenfindung Marsberger und Diemelseer beteiligt. „2,3 Millionen Euro sollen investiert werden.“ Ein Schwerpunkt ist Heringhausen, wo zum Beispiel die Uferpromenade besser gestaltet werden soll. Becker verwies auch auf die diskutierte Hängebrücke in der Bucht oder Lichteffekte an der Stormbrucher Brücke: „Wir haben Visionen.“ Ziel sei, eine „Erlebnissituation für Alt und Jung zu schaffen“, Besucher sollten die „Seele baumeln lassen und die Natur genießen“. Wichtig für ihn: „Wir haben viele, die den See weiterentwickeln wollen“, ob Kommunalpolitiker, Ehrenamtliche in Vereinen oder Unternehmer. „Wir müssen gemeinsam etwas verändern“, forderte Becker. Ortsbeiräte und Verkehrsvereine wirkten schon gut zusammen, „auch die Politik muss zusammenrücken“. Und auch die privaten Anbieter investierten. Die Gemeinde baue derzeit das Heringhäuser Haus des Gastes um, mit der „Natur-Erlebnis-Ausstellung“ erhalte es ein Schlechtwetter-Angebot. Außerdem sei schon 2012 der alte Minigolf-Platz zum „Golf-Erlebnispark“ ausgebaut worden.Über die Projekte diskutierten Waldecker und Westfalen im Anschluss bei einer Rundfahrt auf dem See mit der „MS Muffert“. Auch das ist ein Anliegen der „Gespräche an den Seen“, am Diemelsee war der dritte von fünf Terminen. Und die Teilnehmer stellten fest, wie viel Verbindendes die Landesgrenze hat, während das Schiff die unsichtbare Linie überquerte.

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