Die vegane Lebensweise stößt in Korbach auf Interesse · Austausch beim Stammtisch

Genussgewinn durch Verzicht

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Veganer essen weder Fleisch noch Produkte, die tierische Inhaltsstoffe haben. Sie setzen stattdessen auf eine rein pflanzliche Ernährung. Eiweiß liefern Hülsenfrüchte, Nüsse, Seitan, Tofu.

Korbach - Kein Fleisch, keine Milchprodukte - „Was kannst du denn überhaupt noch essen?“ Die Frage hören Veganer oft. Umso entspannter waren die Frauen und Männer, die sich zum ersten Veganer-Stammtisch trafen.

Sie werden schon mal Dekoration-Esser und KuchenMitbringer genannt. Denn bei Festen oder Familienfeiern wird meist aufgetischt, was sie aus ihrem Ernährungsplan gestrichen haben: Veganer verzichten nicht nur auf Fleisch und Fisch, wie es Vegetarier tun, sondern auf alle tierischen Produkte. Der mit Mayonnaise angemachte Kartoffelsalat ist damit für sie ebenso tabu wie der mit Eiern und Sahne gebackene Auflauf oder die Torte zum Kaffee.

Sie bringen daher zu Festen meist selbst gekochtes veganes Essen mit - Salate, Aufläufe, Kuchen und Süßspeisen ohne tierische Produkte. Weil das Essen erstaunlich vielfältig und sehr lecker ist, treffen die Worte Verzicht oder Tabu nicht annähernd das Gefühl, das Veganer mit ihrem Essen verbinden, denn sie empfinden durch ihren Ernährungsstil einen deutlichen Gewinn, auch an Genuss. Das wurde schnell deutlich, als sich vergangene Woche rund 14 Frauen und Männer im Alter zwischen Anfang 20 und 75 Jahren in der Kost-Bar in Korbach zum ersten „Stammtisch für Veganer und solche, die es werden wollen“, trafen. Sarah Somieski und ihre Mutter Margit Voigtländer aus Meineringhausen, die sich beide seit Sommer vergangenen Jahres vegan ernähren, hatten dazu eingeladen (wir berichteten). Sie waren gespannt, ob es in und um Korbach noch andere Menschen gibt, die sich vegan ernähren oder mit dem Gedanken spielen, es zu tun. Umso erfreuter waren sie über den Zuspruch, den das erste Treffen fand - und die angeregten Gespräche, die sich in lockerer Runde schnell entwickelten.

Angst in den Augen der Tiere

Neun Jahre lang hatte sich die 29-jährige Sarah Somieski vegetarisch ernährt. Es waren schließlich vor allem ethische, aber auch gesundheitliche Aspekte, die sie dazu bewogen, auf die rein pflanzliche Ernährung umzusteigen, erklärte sie bei dem Treffen. „Ich habe Bilder vom Schlachthof gesehen, die Angst in den Augen der Tiere. Da war es bei mir vorbei“, erklärt sie den Moment, der ihr Konsequenz abverlangte. Vegan lebende Menschen möchten möglichst jegliches Tierleid vermeiden. Daher achten sie nicht nur bei der Nahrung darauf, dass sie frei von tierischen Bestandteilen ist und kein Tier während des Herstellungsprozesses ausgebeutet oder getötet wird, sondern auch bei Bekleidung und Kosmetika. Klima- und Umweltschutz, Menschen- und Tierrechte sind ihnen ebenfalls wichtig. Damit ist vegan nicht nur ein Ernährungs-, sondern ein Lebensstil.

Der stößt bei „Fleischessern“ oft auf Unverständnis. „Viele fühlen sich dadurch, wie ich esse und lebe, schnell angegriffen, stempeln ab - umso schöner ist es, mal mit Menschen zusammenzukommen, die einfach akzeptieren, wie ich lebe“, sagte Sarah Somieski bei dem Treffen - und den anderen Gästen ging es ebenso. Sie konnten sich beim Veganer-Stammtisch darauf konzentrieren, in welchen Geschäften es geeignete Lebensmittel gibt, was für die Ausgewogenheit bei dieser Art Ernährung zu beachten ist, welche Rezeptbücher zu empfehlen sind und wie streng sie jeweils dem Lebensstil folgen können oder möchten: Denn wie konsequent vegan gelebt wird, ist individuell unterschiedlich und hängt zum Teil einfach von der Motivation ab, die zur Umstellung auf die pflanzliche Ernährung führte. Eine 75-jährige Frau etwa lebt wieder vegan, weil sie schwer an Rheuma und Arthrose leidet und die Beschwerden schnell nachließen, als sie vor einigen Jahren auf tierische Produkte total verzichtete.

Eine glückliche Linie finden

Ein 27-jähriger Korbacher stieg zunächst auf die vegetarische, dann auf vegane Ernährung um, um gesünder zu essen und Gewicht zu verlieren. Er achtet auch bei Kleidung und Kosmetika auf entsprechende Inhaltsstoffe. Die alten Wollpullover und Lederstiefel trägt er auf. „Es bringt ja nichts, wenn ich die jetzt wegschmeiße“, sagt er. Doch neu gekauft wird nur Kleidung, die nicht aus Leder, Wolle oder Seide ist. Eine 54-jährige Korbacherin hingegen wird nicht auf Pullover aus Wolle verzichten, weil sie Synthetik nicht verträgt. Eine Frau aus Diemelsee formulierte eine Philosophie, der beim ersten Veganer-Stammtisch alle beipflichteten: „Welche Linie man fährt, wie streng man vegan lebt, muss jeder für sich selbst entscheiden, und zwar so, dass er damit glücklich ist.“

Der Veganer-Stammtisch findet jeden 1. Donnerstag im Monat um 16 Uhr in der Kost-Bar am Korbacher Obermarkt statt.

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