Vertreter von Regierungspräsidium und Landkreis besuchen jüdische Friedhöfe im Landkreis

Geschichte hinter den Gräbern

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Inspizieren den jüdischen Friedhof in Korbach (v. l.): Dagmar Frey und Jochen Petzold (Regierungspräsidium), Erste Stadträtin Gudrun Limperg, Dr. Klaus Werner (Landesverband jüdischer Gemeinden), Sabine Scheuermann und Thomas Vorneweg (Landkreis), Marion Lilienthal, Walter Lübcke, Christoph Schindler (Landesverband jüdischer Gemeinden), Volker Thielemann und Reiner Wolf (Stadt Korbach).Foto: Wilhelm Figge

Korbach/Bad Arolsen-Mengeringhausen - Eine Besichtigung auf dem jüdischen Friedhof in Korbach offenbart Spuren von 200 Jahren Geschichte – und Lehren für die Flüchtlingspolitik.

Einen Friedhofsbesuch, der sich nicht um einen einzelnen Verstorbenen dreht, sondern um ein wichtiges Stück Geschichte, hat Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke unternommen: Gemeinsam mit Vertretern des Landesverbands jüdischer Gemeinden, des Regierungspräsidiums und des Landkreises hat er die jüdischen Friedhöfe in Korbach und Mengeringhausen besucht.

Lehren aus der Geschichte

Dies sei zuerst eine Würdigung der begrabenen Menschen, erklärte Lübcke. Gleichzeitung gehe es darum, Erinnerungskultur zu pflegen sowie Geschichte und Kultur zu entdecken. Das Land Hessen hat die jüdischen Friedhöfe nach 1945 in seine Obhut genommen. Der Besuch diene also auch dazu zu schauen, ob die Pfleger vor Ort Unterstützung benötigen und um ihnen Rat zu erteilen.

Es gebe auf dem Friedhof auch viel zu lernen, befand Lübcke: „Diese Menschen hatten keinen Artikel 16a“, erklärte er im Verweis auf das im Grundgesetz verankerte Asylrecht und das Denkmal für in Konzentrationslagern umgekommene jüdische Korbacher. Er erinnerte daran, dass in der Nazizeit niemand fliehende Juden ins Land gelassen habe. „Menschen, die politisch verfolgt werden, sollten wir aufnehmen“, folgerte er.

114 Gräber befinden sich auf dem Friedhof in Korbach. An den neuesten Grabstätten vorbei gehen sie immer weiter in die Geschichte jüdischer Deutscher zurück bis zu Grabstei-nen aus dem späten 18. Jahrhundert.

Gemeinde bestand 200 Jahre

Sie sind noch komplett in Hebräisch beschriftet, in den neueren Reihen erinnern sie mehr und mehr an Steine, wie sie auf den meisten hiesigen Gottesackern stehen. Zum Wandel führte die zunehmende Integration in die deutsche Gesellschaft, erklärt Dr. Marion Lilienthal. Die Lehrerin hielt einen Vortrag über die Geschichte der jüdischen Gemeinde.

Diese entstand ab 1750, das erste Grab auf dem Friedhof wurde 1772 angelegt. 1893 errichtete die Gemeinde eine Schule im „Tempel“, zwei Jahre später eine Synagoge. Beide wurden in der Pogromnacht 1938 vernichtet. Rund 100 Korbacher Juden fielen dem Nationalsozialismus zum Opfer. Jüdische Schicksale deutlich machte Lilienthal anhand des Euthanasieopfers Bernhard Löwenstern, des geflohenen Lehrers Louis Meyer und des vor seiner Ermordung ausgeplünderten Geschäftsmannes Edmund Mosheim.

Von Wilhelm Figge

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