Kellertheater Hamburg widmet zwei starken Frauen die Eigenproduktion „Ich würde es genauso wieder tu

Geschichtsunterricht von der Bühne

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Femininer Feldherr. Jeanne d‘Arc musste erst ihre Weiblichkeit unter Männerkleidung verstecken, um die Franzosen in den Krieg zu führen.

Korbach - Sophie Scholl und Jeanne d´Arc in einem Stück. Das verspricht große Theaterunterhaltung. Das Kellertheater Hamburg hat diese zwei starken Frauen in ihrer Eigenproduktion „Ich würde es genauso wieder tun !“ zusammengeführt.

Beide Frauen gaben ihr noch junges Leben - Scholl wurde 21 Jahre alt, d’Arc 19 - dafür gegeben, weil sie Widerstand geleistet haben gegen Unrecht und Willkür der Herrschenden.

Scholl stellte sich mit ihrem Bruder mit Flugblattaktionen gegen Hitlers Nazi-Regime und Jeanne d´Arc führte bis vor ihrem Tod im Jahr 1431 während des Hundertjährigen Krieges die Franzosen gegen die Engländer und die Burgunder. Beide Frauen wurden hingerichtet.

Das Hamburger Ensemble hat sich für die Aufführung die Haftzeit der zwei Widerstandskämperinnen ausgesucht, gezeigt werden die heftigen Verhöre, Rückblenden in die Vergangenheit, sollen erklären, warum diese Frauen genau so und nicht anders gehandelt haben und das Stück endet mit den Urteilsverkündungen.

Es war wie lebendig gewordener Geschichtsunterricht. Der Lebenslauf der zwei Frauen wurde auf der Bühne dargestellt, ganz genau, mit viel Liebe zum Detail bei Requisite, Bühnenbild Musikauswahl, mit großartigen schauspielerischem Können.

Alles schien perfekt, dennoch, irgendetwas störte. Aber was? Das Wort, die Dialoge? Ja, vielleicht, sie waren zu glatt, hatten nichts Überraschendes parat. Aber da war noch ein größerer Störenfried. Die Einbahnstraßen-Erzählweise der Geschichte. Die Leben der beiden Frauen wurde nicht vermengt, trafen sich nicht auf der Bühne.

Gegner nicht mehr so deutlich zu erkennen

Trotz der Längen in einigen Szenen zieht die Aufführung jeden in seinen Bann, der die beiden Frauen kennenlernen will. Wer deren Lebenslauf hingegen schon kennt, entdeckt in dem Stück kaum etwas Neues, außer vielleicht, dass Sophie Scholl sieben Jahre in der Hitler-Jugend war und das diktatorische System lange Zeit aktiv unterstützt hat, bis vor allem das Grauen in Stalingrad ihre Meinung geändert hat.

Das Tolle an dieser negativen Sichtweise über dieses Stück ist die Erkenntnis, dass es möglicherweise nicht mehr den Zeitgeist der heutigen Gesellschaft trifft. Sollten wir wirklich mal etwas dazugelernt haben? Es scheint so, weil das Aha-Erlebnis fehlt. Denn: Starke Frauen? Kennen wir! Widerstand leisten? Dürfen wir! Sterben für eine politische Überzeugung? Könnten wir! Ungerechtigkeit in der Welt? Haben wir! Der Mensch heute fragt sich zwar immer noch, was können wir dagegen tun. Er zieht dafür aber zumindest in Europa nicht mehr in den Krieg oder kämpft direkt gegen ein Regime.

Der Gegner ist nicht mehr so deutlich zu erkennen. Auch seine Waffen nicht. Um ein Volk politisch mundtot zu machen, dazu bedarf es heute keiner großen Gewalt mehr, das leisten in der Wohlstandsgesellschaft Ablenkungsmanöver wie Fernsehen, Videospiele & Co.

Das heißt allerdings nicht, dass die Widerstandskämpfe der Scholls und d’Arcs heutzutage überholt sind oder gar ausgedient haben, die Art des Kampfes hat sich nur verändert.

Und davon bot das Stück leider nichts an. Permanent kam der Wunsch hoch: Sophie und Jeanne redet endlich miteinander, tauscht eure Erfahrungen aus!

Dieser Dialog hätte den Spannungsbogen bis in die heutige Zeit ziehen können. Wo fängt Widerstand an und ab wann ist es Terrorismus?

Einmal war es fast soweit. Sophie sprach Jeanne an. Ein Satz, eine Antwort, das war’s leider schon. Schade, wir hätten sehr gern zugehört.

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