Willy Brandt, Roger Moore, Richard von Weizsäcker: Seit 50 Jahren verewigen sich Ehrengäste auf Bütt

Goldenes Buch für bedeutende Besucher

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1988 besuchte Bundespräsident Richard von Weizsäcker Korbach, spazierte mit Bürgermeister Wolfgang Bonhage und vielen Begleitern durch die Fußgängerzone. Sportlicher ging es Außenminister Joschka Fischer 2002 an. Er joggte mit Sicherheitsbeamten und 100 Mitläufern durch das Marbecktal.

Korbach. - Ein joggender Außenminister, ein James-Bond-Darsteller auf Werbetour und ein Bundespräsident, der beim Empfang lieber Bier als Sekt trank: Im dreibändigen Goldenen Buch der Stadt haben sich im Laufe der vergangenen 50 Jahre Dutzende bedeutender Zeitgenossen verewigt.

Ende August 1963 füllten Bürgermeister Paul Zimmermann, Stadträte und Stadtverordnete die erste Seite feinsten Büttenpapiers mit ihrem Erst­eintrag: „Seitdem der Stadt im Jahre 1188 die Stadtrechte verliehen wurden, weilten viele auswärtige Gäste in ihrem 1377 errichteten Rathaus. Leider wurden die Namen der Gäste und der Anlaß ihres Besuches nicht festgehalten.“ Das sollte künftig nicht mehr passieren. Allerdings hatte der späte Beginn der Aufzeichnungen auch seine Vorteile. Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs standen viele Städte vor der Frage, wie mit den Einträgen nationalsozialistischer „Gäste“ umzugehen sei. In Frankfurt entschied man sich beispielsweise, diese Seiten nicht zu entfernen, aber 13 Seiten (je eine pro Jahr des „tausendjährigen Reiches“) freizulassen, um den Abstand zu der NS-Diktatur zu demonstrieren.

Vom Geist der Versöhnung geprägt sind die ersten Einträge im Korbacher Exemplar. Zahlreiche Besucher aus der französischen Partnerstadt Avranches setzen ihre Unterschriften unter die aufwendig kalligrafierten und teils mit farbigen Zeichnungen gestalteten Texte. Die Laienspielwoche sorgte überdies für internationale Besucher aus der Tschechoslowakei, Italien, Belgien oder den Niederlanden. Der erste hochrangige Politiker trägt sich im August 1969 noch als hessischer Finanzminister ein. Sechs Wochen später ist Albert Osswald Ministerpräsident.

Früher mit Füller, neuerdings mit Tintenroller unterzeichnen die Ehrengäste im ansonsten sorgsam im Safe verschlossenen Goldenen Buch, erläutert Büroleiter Heinz-Willi Müller. Welcher Besuch(er) für bedeutend genug erachtet wird, entscheide letztendlich der Bürgermeister. Bis dato sind es 310 Einträge. Zuletzt unterschrieben Ministerpräsident Volker Bouffier, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und die Gäste des 50. Jubiläums der Städtepartnerschaft mit Avranches.

Im November 1972 findet die erste vorgezogene Bundestagswahl in der noch jungen Bundesrepublik statt. In der heißen Wahlkampfphase geben sich die Politgrößen förmlich die Klinke in die Hand: Ex-Kanzler Kurt-Georg Kiesinger kommt am 4. Oktober, es folgen der Berliner Bürgermeister Klaus Schütz, sein Bremer Amtskollege Hans Koschnik, Hans-Dietrich Genscher, damals Bundesinnenminister, und am 17. November Bundeskanzler Willy Brandt. Zwei Tage später fährt er auf dem Höhepunkt seiner Popularität den höchsten Wahlsieg in der Geschichte der SPD ein.

Very british, also ausgesprochen höflich, bedankt sich Ende August 1974 Roger Moore für die Freundlichkeit, die ihm während seines allzu kurzen Besuches in „Ihrer schönen Stadt“ entgegengebracht wurde. Die Werbetour für seinen neuen­ Abenteuerfilm „Gold“ führte den Bond-Darsteller - nach Goldhausen.

1981 betritt mit James Irvin ein echter Astronaut (Apollo 15) das kommunalpolitische Kontrollzentrum und verziert sein Autogramm mit einer kleinen Mondsichel. Arabische Schriftzeichen hinterlassen 1982 die Mitglieder der marokkanischen Wasserball-Nationalmannschaft im mittlerweile zweiten Band des Goldenen Buches. An den einzigen Besuch eines amtierenden Bundespräsidenten in Korbach erinnert sich Heinz-Willi Müller noch sehr genau. Richard von Weizsäcker kam 1988, im Jubiläumsjahr „800 Jahre Stadtrechte“, nach Korbach, als bürgernahes Staatsoberhaupt und Biertrinker habe er ihn damals kennengelernt.

Ebenfalls unter hohen Sicherheitsvorkehrungen findet 2002 der Besuch von Außenminister­ Joschka Fischer statt. Als joggender Wahlkämpfer läuft er mit 100 Korbachern durch das Marbecktal.

Stichwort

Ein Goldenes Buch ist ein in Gemeinden und Städten verwendetes Buch, in dem sich Ehrengäste während eines Besuchs eintragen dürfen. Die Bezeichnung ist sinnbildlich, aber auch wörtlich in Bezug auf den Goldschnitt der Seiten und Verzierungen des Einbandes zu verstehen. Als „Goldenes Buch“ (Libro d’Oro) wurden seit dem Mittelalter Adelsregister italienischer Städte bezeichnet. (r/tk)

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