TSV Korbach: Hitzige Debatte um Satzungsänderung und Vereinsheim auf Scheid ·

Große Mehrheit unterstützt Vorstand

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Korbach - Zukunftspläne, aber auch Emotionen bestimmten die Debatte beim TSV 1850/09 Korbach über eine Satzungsänderung. Die soll den Weg freigeben für Investitionen in ein neues Sportzentrum.

Die Spannung war hoch und die Resonanz ebenso, denn die Hauptversammlung 2013 wird sicher in die Annalen des Korbacher Großvereins eingehen. Mit sinkenden Mitgliederzahlen und bröckelnden Einnahmen steht der TSV seit Jahren an einem Scheideweg. Aus Sicht des Vorstands, aber auch der Mehrzahl der Mitglieder muss da Bewegung rein, um nicht in eine „schleichende Insolvenz“ zu geraten.

So hatten TSV-Vorsitzender Andreas Boltner und Geschäftsführer Werner Bitzer im Namen des gesamten Vorstandsteams im Vorfeld der Sitzung noch mal kräftig Flagge gezeigt: „Der Vorstand wirbt um Ihr Vertrauen“, hieß die Botschaft auf der Homepage im Internet.

So viel Aufmerksamkeit hatte eine Hauptversammlung des TSV denn auch lange nicht mehr erlebt: 145 stimmberechtigte Mitglieder plus Gäste verfolgten das Geschehen in der Stadthalle bis gegen 23 Uhr.

Vorstand: Wollen handeln

Viele Gespräche zwischen Vorstand und Abteilungen im Vorfeld, dazu eine strategische Tagesordnung verfehlten nicht die Wirkung. Abteilungsleiter ließen zum Auftakt in ihren Jahresberichten den nachdrücklichen Dank an den Vorstand nicht aus - und den klaren Hinweis, neue Wege in die Zukunft zum Wohle des Vereins zu beschreiten.

Als es am Ende zum Schwur kam, da hatte Otto Lange schon den Saal verlassen. Der überaus verdiente, mit Ehrungen hoch dekorierte und langjährige TSV-Geschäftsführer hatte einen Gegenantrag zum Vorschlag des Vorstands gestellt. Doch mit dem Verlauf der Versammlung wurde immer klarer, dass Lange und etliche Mitstreiter bei der Abstimmung auf verlorenem Posten stehen würden.

Lange steht für Tradition, die den ehemaligen Club der Turner, TV 1850, und den Club der Fußballer, SV 09, in den 90er-Jahren zum Großverein zusammenführte. Schon bei der Fusion damals stand das Vereinsheim auf Scheid unter besonderer Beachtung. Auch deshalb kam ein Paragraf in die Satzung, der jegliche Verfügungen über Grundstücke unter den Vorbehalt eines Mitgliederentscheids stellte.

Der am Mittwoch mit großem Rückhalt wiedergewählte aktuelle Vorstand um Boltner und Bitzer will gleichermaßen gute Traditionen bewahren - aber auch mehr Handlungsfreiheit für die Zukunft. Denn die Zeiten haben sich eben geändert, wie der neue Sportkreisvorsitzende Uwe Steuber in einem Referat am Mittwoch deutlich machte.

Kernaussagen: Fitness und Sport umtreibt Menschen heute bis ins hohe Alter. Doch „75 Prozent organisieren ihren Sport selbst“, zitierte Steuber aus Untersuchungen. Will heißen: Im demografischen Wandel der Gesellschaft, des Berufslebens und zunehmender Individualisierung bieten Vereine vielfach nicht die passenden Angebote. Die gequetschten Trainingszeiten öffentlicher Sporthallen und das hergebrachte Sparten-Angebot bieten insbesondere Menschen ab 40 Jahren immer weniger Attraktivität.

Mit einem Sportzentrum haben inzwischen 18 Vereine in Hessen Erfolge erzielt, wie Steuber betonte: zahlende neue Mitglieder durch längere Öffnungszeiten, individuelle Trainingsmöglichkeiten, aber auch Angebote in die Breite - ob Krafttraining, Fitness, Gesundheits- oder Familiensport. Gerade Großvereine wie der TSV Korbach hätten mit diesem Konzept die besten Zukunftschancen.

„Es geht heute nicht um Scheid“, betonte TSV-Vorsitzender Boltner dabei mehrfach: Ein Verkauf des Vereinsheims am Edersee stehe aktuell gar nicht zur Debatte. Der Vorstand möchte das Grundstück indes beleihen, um daraus finanziellen Rückhalt für ein Sportzentrum zu erhalten (wir berichteten). Ein passendes Gebäude soll nun gesucht werden.

„Fürchten um Domizil“

„Ich bin ja nicht hirnverbrannt. Klar, muss was geschehen“, bekannte einer der Scheid-Freunde in der teils hitzigen Debatte: Aber dann solle der Vorstand doch erst mal konkrete Pläne und Zahlen auf den Tisch legen. „Wir fürchten um unser Domizil“, ergänzte eine Scheid-Nutzerin: „Ich lade euch heute alle ein. Kommt zum Scheid. Aber Party und Ballermann, das macht lieber in Korbach.“

„Wir brauchen doch keine Einladung, das gehört doch dem Verein“, hielt Bärbel Padtberg aufgebracht entgegen. Auch Andreas Ruppert, Handball-Abteilungsleiter Thorsten Spohr und Fußball-Geschäftsführer Jörg Wagner sahen die Sachlage in diesem Sinne: „Scheid ist Vereinseigentum von 2700 Mitgliedern - und nicht nur von 20“, unterstrich Spohr. Wagner verwies auf die hohen Mitgliederzahlen allein bei den Fußballern - für die das Vereinsheim auf Scheid aber eher einem Buch mit sieben Siegeln gleicht.

Genau hier scheiden sich in der Interpretation die Geister: Am Edersee nutzt eine Gruppe von Mitgliedern günstige Campingstellplätze. Für die Mehrheit liegt Scheid aber offenbar weiter entfernt als Mallorca.

So wiederholten sich die Argumente - bis der frühere TSV-Vorsitzende Michael Bott den Antrag auf Ende der Debatte stellte. Die Abstimmung war deutlich: Von 145 Mitgliedern votierten 112 dafür, den Paragrafen über Grundstücksverfügungen ersatzlos zu streichen. 15 enthielten sich, 18 stimmten dagegen. Sie wollen im kommenden Jahr offenbar einen neuen Anlauf nehmen, um die Satzung abermals zu ändern.

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