Hintergrund

„Gurgelnd stauten sich die Wasser“

Damals und heute: Am 24. November 1923 wurde der Diemelsee mit Wasser gefüllt, im März des folgenden Jahres kam es zum ersten Überlauf (linkes Foto). 2012 feierten Bewohner und Gäste die Grundsteinlegung der Sperrmauer vor 100 Jahren mit einer Lichtershow. Archivfoto: Volkenrath

Diemelsee/Marsberg - Unterbrochen vom Ersten Weltkrieg dauern die Arbeiten an der Sperrmauer im Diemeltal von 1912 bis 1923 an. Dann, am 24. November 1923, ist es auch für die Bewohner der ruhigen Gegend Gewissheit: Das Tal wird geflutet, der Diemelsee entsteht.

Manch einer hatte sich im Vorfeld beschwert, andere wiederum feilschten noch bis kurz vor Baubeginn um eine höhere Entschädigung. Doch verhindern ließ es sich nicht: 1912 beginnt der Bau der Diemeltalsperre. Elf Jahre später, am 24. November 1923, sind die Arbeiten beendet, das Wasser fließt und im Diemeltal entsteht der Diemelsee.

Die Menschen nehmen das mit gemischten Gefühlen auf. Der Heringhäuser Lehrer Steinmeyer schreibt in der Schulchronik: „Gurgelnd stauten sich die Wasser und bedeckten die herrlichen Fluren.“ Die Skepsis ist nicht verwunderlich, bedeutet der Bau der Mauer doch für manchen Landwirt trotz Entschädigung einen Einschnitt. Die waldeckischen Gemeinden Heringhausen, Stormbruch und Giebringhausen sowie die damals preußische Gemeinde Helminghausen verlieren gemeinsam etwa 225 Hektar Land. Allein 134 Hektar Ackerboden im Wert von 550 000 Mark müssen Heringhäuser Bauern abtreten.

Doch hätte es auch schlimmer kommen können. Geplant war zunächst, einen Stausee zu schaffen, der 50 Millionen Kubikmeter Wasser fasst. Letztendlich wurden es 20 Millionen Kubikmeter. Ausgangspunkt für all das war das 1905 verabschiedete „preußische Gesetz zur Herstellung und Ausbau von Wasserstraßen“. So entsteht neben dem Eder- auch der wesentlich kleinere Diemelsee, um den in Bau befindlichen Mittellandkanal mit Wasser zu speisen sowie zur Anreicherung der Oberweser.

„Ein wundervolles Gepräge“

Zu Beginn gehen die Arbeiten zügig voran. Bis zu 300 Handwerker und Helfer, darunter etwa 90 aus Italien, errichten die Mauer, sagt Detlef Köster. Er ist Ortsheimatpfleger in Helminghausen und hat sich mit der Geschichte des Diemelsees befasst. „Wegen der vielen Arbeiter wurde ein zweiter Polizeibeamter im Ort angestellt“, weiß Köster zu berichten.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs müssen alle Arbeiten unterbrochen werden - und danach geht es nur schleppend weiter. Materialknappheit, Schwierigkeiten bei der Beschaffung unter anderem wegen der Ruhrbesetzung, weniger Arbeitskräfte - der Bau der 42 Meter hohen Mauer ist ins Stocken geraten. Und doch wird das Werk, welches das Fachblatt „Tiefbau“ als „Meisterstück deutscher Technik“ bezeichnet, fertiggestellt. Noch am Tag des Anstaus am 24. November 1923 werden die Einlaufbecken gebaut. Am 27. März 1924 ist der Diemelsee erstmals komplett gefüllt und läuft über. Das bis heute seltene Schauspiel findet tags darauf in der Waldeckischen Landeszeitung Erwähnung: „Gewaltige Wassermassen fließen brausend und schäumend an der hohen Mauer herab. Das herrliche Diemeltal, welches schon vor der Erbauung der Talsperre wegen seiner Reize bekannt war, und dann durch den See (...) ein wundervolles Gepräge erhalten hat, wird jetzt noch verschönt (...).“

Festlichkeiten gibt es damals keine. „Die Leute waren froh, dass sie es geschafft hatten, die Mauer hochzuziehen“, sagt Detlef Köster. Der Redakteur der WLZ beweist damals Weitsicht, mit seiner Vermutung, dass vor allem im Sommer der See viele Fremde anziehen dürfte. Und so gründete sich in Helminghausen schon bald der Heimat- und Verkehrsverein und Landwirte bieten Gästen Unterkunft an. Derweil stellt auch ein Heringhäuser Chronist fest: „Die Befeuchtung unserer Gemarkung durch den See ist spürbar. Auch der Obstanbau hat einen enormen Auftrieb erhalten.“ Im Diemeltal ist mit der Talsperre ein neues Zeitalter angebrochen.(tt)

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