Frank Bölter wird für sechs Monate mit Sachsenbergern ein Kunstprojekt starten

„Hallo, ich bin Euer neuer Nachbar“

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Der Kölner Künstler Frank Bölter (l.) kommt für ein halbes Jahr nach Sachsenberg, um Aktionskunst in der Stadt zu machen. Am Mittwoch wurde er erstmals in Sachsenberg begrüßt.

Lichtenfels-Sachsenberg - Die nächsten sechs Monate werden in Sachsenberg richtig spannend. Der Kölner Künstler Frank Bölter kommt in den Lichtenfelser Stadtteil, um Aktionskunst zu machen - zusammen mit allen, mit mitmachen möchten.

Für sich allein Kunst im stillen Atelier zu fabrizieren, das ist nichts für Frank Bölter. Seine Art, sich mit Kunst zu beschäftigen, ist viel kommunikativer, überraschender, offener - und sie ist vor allem niemals ein einsames Schaffen: Der 43-Jährige liebt Aktion und das werden die Sachsenberger bald selbst erleben.

Wo Frank Bölter lebt, da macht er auch Kunst und lädt immer Leute ein, ihm dabei zu helfen. So hat er in Herford ein Haus aus Wellpappe gebaut - zusammen mit fremden Nachbarn. Die Bauzeit betrug vier Wochen, und genau so lange dauerte es, bis das Haus von Wind und Wetter wieder zerstört wurde. Im französischen Kloster Citeaux konstruierte er zusammen mit Mönchen ein zehn Meter langes Boot aus Tetrapak, das er an der Saône vom Stapel lauf ließ.

„Andere müssen helfen“

Das Faltboot wurde von Hausbooten, Paddel- und Segelbooten sowie Binnenschiffen, manchmal auch von Passanten am Ufer 800 Kilometer bis zum Kloster Gravenhorst gezogen, und dabei erlebte er so manches Abenteuer. „Einmal wurde das Boot angeschossen, einmal geklaut, es gab auch einen Unfall - insgesamt sechs neue Boote waren nötig, um auf diese Weise in Gravenhorst anzukommen, und ich habe viele nette Leute kennengelernt“, sagt er und lacht. Und nie konnte er sein Projekt ohne die Hilfe und Unterstützung von anderen Menschen verwirklichen. „Ich kann eigentlich nichts - andere müssen mir helfen“, formuliert er etwas flapsig, was er meint: Er verwickelt Öffentlichkeit in einen Erfahrungsprozess, durch gemeinsames Tun gibt es einen gemeinsamen Erfahrungsschatz. Und genau der wirkt noch lange nach, selbst wenn das Kunstwerk schon nicht mehr existiert. „Das alles ist viel spannender, als allein Kunst zu machen“, sagt der Wahl-Kölner.

Welches Projekt er von Anfang April bis Ende September mit den Sachsenbergern verfolgen möchte (siehe „Hintergrund“) steht noch längst nicht fest. Am Mittwoch war Frank Bölter erstmals in Sachsenberg, um sich offenherzig mit den Worten „Hallo ich bin euer neuer Nachbar“ vorzustellen und von den Einwohnern, die ihn begrüßten, möglichst viel von dem Ort und seinen Bewohnern zu erfahren. In ungezwungener Atmosphäre kamen bis in den späten Abend hinein schon so viele Themen und Anekdoten auf den Tisch, dass er bald filtern muss: „Die Frage ist: Was ist für die Leute wichtig genug, was lohnt sich wirklich?. Was hat genug Ladung, um Resonanz unter den Sachsenbergern zu erzeugen?“, sagt Bölter. Um die Antwort auf die Fragen zu finden, wird er noch mit vielen Sachsenbergern sprechen - und sich bestimmt auch nicht scheuen, mal Passanten auf der Straße anzusprechen oder an der Haustür zu klingeln.

Film und Wissenschaft

Zusammen gefasst wird es so laufen: Er schaut, findet ein Thema und dann Leute, die mitmachen. „Sie bringen etwas von außen mit und wir bauen was drauf“, fasste es die Sachsenbergerin Kathleen Alt zusammen.

Für alle Kunstfreunde in Sachsenberg samt Ortsvorsteher und Bürgermeister ist das Projekt eine „spannende Sache“ - zumal es auf zwei weiteren Ebenen noch professionell begleitet wird: Ein Filmteam um Niko Reimer wird für Arte zwölf Tage lang in Sachsenberg rund um das Kunstprojekt filmen und die Soziologin Stefanie Koch wird es wissenschaftlich begleiten.

Hintergrund

Sachsenberg macht mit bei „Kunst fürs Dorf - Dörfer für Kunst“, ein Kunstprojekt zur neuen Wahrnehmung und Definition von „Dorf“. Das Kunstprojekt wurde von der Deutschen Stiftung Kulturlandschaft initiiert und auch zum größten Teil finanziert.

Der Lichtenfelser Stadtteil wurde zusammen mit den Dörfern Blankensee und Sehlis aus 101 Dörfern, die sich aus dem gesamtem Bundesgebiet beworben hatten, ausgewählt. Frank Bölter wird sechs Monate in Sachsenberg leben und zusammen mit den Sachsenberger Einwohnern ein Kunstprojekt entwickeln. Wohnung und Atelier im Haus von Reta Reinl stellt die Stadt. Frank Bölter ist verheiratet und hat einen vierjährigen Sohn. Einen Gastplatz in Kindergarten hat der schon sicher. (md)

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