Korbach

Dem „Hassprogramm“ entflohen

- Korbach (rsm). Wenn jemand seinen eigenen Lebenslauf nicht vorlesen kann, weil es ihm dann vor Scham, Wut und Enttäuschung die Sprache verschlägt, muss es ein schmerzvolles Leben sein.

Es ist Andreas Marquardts Leben. 54 Jahre ist er alt, und der Berliner sitzt mit seinem Psychotherapeuten Jürgen Lemke in der Korbacher Buchhandlung Schreiber für eine Lesung. Die rund 40 Zuhörer erfahren etwas über sexuellen Missbrauch, körperliche Misshandlung im Elternhaus, über Zuhälter, Bordelle, Prostituierte, Karate, Geld, Gefängnis und über all dem schwebt unsägliche Gewalt. Die Leiden des jungen Marquardt und das Leid, das er als Erwachsener anderen zugefügt hat, sind wirklich die Härte. So lautet auch der Buchtitel der Autobiografie, die der Therapeut mit seinem Klienten verfasst hat. Lemke liest und trotz zahlreicher Lesungen weiß Marquardt bei einigen Passagen immer noch nicht, wohin mit seinen Augen, den Blick schamhaft nach oben oder doch auf den Boden richten, in den er vielleicht am liebsten ganz versinken würde. Lemke beginnt die Lesung mit der Szene, wie Marquardt mit seiner Mutter abrechnet. Sie hat ihn vom 7. bis zum 14. Lebensjahr missbraucht. Bei diesen Gewaltakten der scheinbaren Liebe wurde Marquardts „Hassprogramm“ geboren. So nennt er sein altes Leben. Denn seither verspürte er nur noch Hass für Frauen, den er später als Zuhälter in Berlin mit viel Brutalität ausgelebt hat. Den Weg in die Unterwelt bahnte ihm unbewusst ein Erlebnis mit seinem Vater. Der kleine Andy sollte ihm die Hand reichen, der Fünfjährige gehorchte und der Vater drückte so lange und so fest zu, bis die Knochen krachten. Nach diesem Erlebnis schwor sich das Kind: Niemand wird mir jemals wieder solche körperlichen Schmerzen zufügen, und schloss sich einem Karate-Verein an. Der Junge trainierte so hart wie kein anderer. Er wurde Welt- und Europameister im Tae-Ka-Do-Kan-Karate, einer Vollkontakt-Disziplin. Der Niemand war plötzlich jemand, auch jemand für die Zwielichtigen im Berliner Rotlichtmilieu. Marquardt wurde von ihnen hofiert, Frauen, Autos und Geld im Überfluss. Äußerliche Stärke überdeckte innerliche Schwäche. Er wurde einer der einflussreichsten und brutalsten Zuhälter in Berlin. 1994 lernte er auch die Welt hinter Gittern kennen – acht Jahre Leben auf acht Quad­ratmetern. Dann trat Lemke in sein Leben – die Rettung. Heute leitet der 54-Jährige mit seiner Frau in Berlin eine Karateschule für Kinder und ein Fitness-Center. Außerdem erzählt er vielen seine Lebensgeschichte, um andere vor einem gleichen Schicksal zu bewahren. Er zeigt dabei auch Reue: „Das, was ich anderen Menschen angetan habe, kann ich nie wieder gutmachen.“ Sein neues Lebensziel: Kindern helfen. Er sammelt Geld für sie, fast schon selbstlos. An seinem Buch verdient er keinen Cent, alles geht an Kinderorganisationen. Und sein Appell lautet: Wir müssen Kindern beibringen, „Nein“ zu sagen, und Erwachsene sollten genauer hinschauen, wie Kinder groß werden. Mit diesen Worten entlässt er sein Korbacher Publikum und hinterlässt beim Hinausgehen eine nachdenkliche Stille.

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