Förderkreis der Vöhler Synagoge und evangelische Kirchengemeinde erinnern an Pogrome vor 75 Jahren

Hebräische Klänge unter Sternenhimmel

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72 Kerzen zündeten die Vöhler Jugendlichen in der ehemaligen Synagoge an – eine für jeden ermordeten Juden der Umgebung. Einer von ihnen war Günter Sternberg.

Vöhl - Mit einer bewegenden Gedenkfeier erinnerten die Vöhler gestern Abend in der Synagoge an die Pogromnacht vor 75 Jahren. Auch für Vöhler Juden hatte damit eine grausame und tödliche Zeit der Verbrechen und des Leids begonnen.

Es war der Abend des 7. Novembers 1938: In Kassel stürmten Mitglieder der SA und der SS die Synagoge und verwüsteten sie. In der gleichen Nacht richtete sich der gleiche Hass gegen Gebäude und Menschen in Zierenberg, Bebra und Sontra, in denen Juden arbeiteten, beteten und lebten. Am 8. November brannte in Bad Hersfeld die erste jüdische Synagoge, am Tag darauf brannten sie im ganzen Land.

Vielleicht hatten Max Mildenberg, Martin Sternberg und Alfred Rothschild von der Gewalt gehört, vielleicht sprach sie sich über die Dörfer und Straßen bis in die Mittelgasse nach Vöhl rum. Sicher aber kannten sie den Hass, der Juden entgegenschlug. Sie hatten erlebt, wie jüdische Kinder von Unterrichtsstunden an der Volksschule in Vöhl ausgegrenzt wurden, wie ihre Nachbarn aus dem Festzug, der durch die Vöhler Straßen zog, herausgerissen und durch die Gassen gejagt worden waren, und sie hatten von Freunden gehört, die die Nazis verschleppt hatten.

Aber am 10. November 1938 standen plötzlich wohlbekannte Nachbarn, vielleicht alte Freunde vor ihrer Tür, scheuten nicht vor Gewalt, rissen sie von ihren Familien los und trieben sie auf Lastwagen. Sie wurden nach Kassel und dann nach Buchenwald gebracht. Menschlichkeit und Gerechtigkeit in Deutschland waren von Hass, Machtgier und Gewalt abgelöst worden. Alle drei Männer, die an diesem Abend vor 75 Jahren aus ihren Häusern in Vöhl gezerrt wurden, überlebten den Holocaust nicht.

Ihre Namen waren drei von insgesamt 72, die gestern Abend in der Vöhler Synagoge vorgelesen wurden - in Erinnerung an die ermordeten Juden aus Vöhl und den umliegenden Dörfern. Zu ihnen gehört auch Günther Sternberg, der mit acht Jahren im Konzentrationslager ermordet wurde. Die evangelische Kirchengemeinde und der Förderkreis der Synagoge hatten zum gemeinsamen Gedenken eingeladen. Mit einem Friedensgebet in der Martinskirche hatte der leise, bewegende Abend begonnen. „Wären wir mutiger gewesen? Hätten wir mehr getan?“, fragte Pfarrer Jan-Friedrich Eisenberg und ließ doch keinen Zweifel an der Schuld der Kirche, an der Schuld der Christen im Nationalsozialismus. „Verantwortungsvoll und eindringlich müssen wir heute die Erinnerung wachhalten“, betonte Eisenberg. Nicht Büßermienen, sondern Wachsamkeit gegen jede Form von Rassismus und Intoleranz seien gefragt.

Auch beim anschließenden Gedenken in der Vöhler Synagoge betonte Karl-Heinz Stadtler vom Förderkreis eindringlich: „Wir müssen mit allen Kräften dafür sorgen, dass unsere Kinder stark und mutig genug sind, Widerstand zu leisten.“ Stadtler hatte einzelne Geschichten jüdischer Familien in Vöhl erzählt und Namen auch Gesichter gegeben. „Wir wissen wenig aus dieser Nacht“, erinnerte er, „aber wir wissen: Die Pogromnacht war nicht weit weg, sie war hier bei uns.“

Am Ende waren es Klänge des Gospelchores und die hebräischen Worte des Kaddischgebetes, die Barbara Küpfer sprach, die unter dem Sternenhimmel der Synagoge nachklangen - mit dem Versprechen, nie zu vergessen. (resa)

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