Fleißige Hände in der Zeitungstechnik: Vom Ende der Bleizeit und vielen Anfängen

Hinterm Horizont geht’s weiter

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Erinnerungsstück: Die Linotype-Setzmaschine steht heute im Museum. Ganz und gar nicht zum alten Eisen gehört WLZ-Produk-tionsleiter Willi Hartmann, der den Umgang mit Bleilettern und dem Fotosatz von der Pike auf gelernt hat.

Korbach - Zwölf Buchstaben - mehr braucht es nicht, und schon hat er wieder die Hände schmutzig.

Lang, lang ist’s her, dass Willi Hartmann die alten Bleilettern, aus denen anno dunnemals die Zeitung entstand, in den Händen hielt. 13 Buchstaben später arbeitet der heutige Leiter der Produktion aber schon fast wieder so schnell wie in den 70er-Jahren.

Nur, dass noch ein kleines Gefühl der Wehmut und Nostalgie mitschwingt. Denn die einzelnen kleinen Buchstaben haben längst ausgedient und genießen im Archiv der WLZ ihren verdienten Ruhestand. Leicht angestaubt sind sie. Und doch scheinen sie noch allzeit bereit für den nächsten Einsatz.

Nur ein Stichwort

Die Zeiten, in denen Blei oder Kupfer durch die Hände der Techniker ging, sind schon lange vorbei. Und doch: Die Erinnerung an längst vergessene Tage lösen bei den altgedienten WLZ-Mitarbeitern schnell wohlige Wärme ums Herz herum aus. Ein Stichwort, sei es Winkelhaken, Cicero oder Linotype - und die Gespräche überschlagen sich fast.

„Ah! So wie früher.“ Willi Hartmann steht nicht mehr - er kniet. Gerade sind ihm dann doch beim Umheben einzelne Lettern aus dem Winkelhaken gefallen. Nun muss er jeden Buchstaben von „W-a-l-d-e-c-k-i-s-c-h-e L-a-n-d-e-s-z-e-i-t-u-n-g“ wieder auflesen und neu einsetzen. Doch gelernt ist gelernt.

Behände setzt er das „W“ neben das „z“ und füllt die Reihe. Dann bringt er die Buchstaben in die richtige Reihenfolge und bewundert ein wenig sein Werk. Schließlich ist es schon einige Jahrzehnte her, dass er Schriften in der Hand hatte; heute hat er die digitalen Pendants eher an der Computermaus.

Seit 1971 dabei

Besonders die kleinen Schriften waren damals ein Graus. Schnell passierte es, dass die Buchstaben bei zu fester Spannung aus dem vorbereiteten Winkelhaken sprangen - und dann begann die Arbeit wieder von vorne.

Seit dem 2. August 1971 ist Willi Hartmann beim Bing-Verlag angestellt. Fortan haben die technischen Veränderungen eine atemberaubende Geschwindigkeit gezeigt - und Dinge ermöglicht, die zu Beginn weder möglich noch denkbar waren. Einheitliches Layout am Computer? In den 70er-Jahren blanke Zukunftsmusik. Einen ärgerlichen Rechtschreibfehler mit zwei Tastenschlägen quasi nebenbei korrigieren? In Prä-PC-Zeiten mit Bleisatz und Co. nicht vorstellbar. Statt der „Löschen“-Taste musste jeder Buchstabe einer Zeile wieder gelöst, korrigiert und dann zusammengeschoben werden.

Als Schriftsetzerlehrling wurde Hartmann nach und nach in die Geheimnisse und Widrigkeiten der Schwarzen Kunst eingeweiht. „Mich hatten Bücher schon immer interessiert. Vor allem wollte ich wissen, wie sie entstehen“, begründet er seine Berufswahl. Wie das damals so war, konnte sich Hartmann seinen Job aussuchen. Zu Bings ging er schließlich, weil er bereits während der Schulzeit mit der WLZ in Kontakt gekommen war.

Aber es stimmt schon: Mit seinen 16 Lenzen war der groß gewachsene ehemalige Goddelsheimer vor allem für Geschäfts- und Familiendrucksachen, Plakate, Kataloge usw. zuständig. In der Akzidenz lernte er an der Seite von Altgesellen Erich Hülsmann und Werner Goike sein Handwerk. „Wir mussten zu Beginn erst einmal lernen, wo sich im großen Setzkasten überhaupt die Buchstaben befinden“, schwelgt der WLZ-Mann in Erinnerungen.

Zeile für Zeile

Seitdem hat sich nicht nur die Technik verändert. „Bevor ich bei der WLZ anfing, hatte ich ein Gespräch mit Ludwig Bing. Er fragte mich, wie ich zu langen Haaren stehen würde. Er halte nicht viel davon, sagte er“, lacht der heimliche Alterspräsident des Bing Verlages. „Den Vertrag haben wir dann sofort festgemacht“, die Haare sprossen entsprechend des Zeitgeistes trotzdem.

Ein wahrer Fortschritt hielt ab 1977 Einzug: der Fotosatz. Er veränderte die Art der Zeitungsproduktion grundlegend. Am Fotosatzgerät gestalteten die Setzer Drucksachen und Anzeigen und tippten Zeile für Zeile ein. Doch sie sahen erst nach der Entwicklung des Fotopapiers oder Films, ob sie sich nicht vertippt hatten. Denn einen Speicher besaßen die Maschinen nicht, später erleichterten erste Disketten die Arbeit.

Setzmaschinen? Stehen mittlerweile im Bonhage-Museum. Werkzeuge wie Ahle und Winkelhaken? Liegen als Andenken an vergangene Zeiten im Werkkeller der alten Hasen. Und auch die Zeiten der Fotosatzmaschine Linotronic, der elektronischen Zeitungssysteme von Linotype oder der Druckplatten aus Kunststoff (Nyloprint) sind längst vorbei.

Seit 1994 entsteht die WLZ ausschließlich am Monitor - Texte und Fotos werden seither nur noch am Bildschirm bearbeitet. Elf Jahre lang gab es bei der WLZ zunächst „Lino-Press“, seit 2005 sorgt das DTI-System dafür, dass Redakteure und Techniker gleichzeitig an den Seiten arbeiten können - in der großen Mediengruppe Madsack war die WLZ dabei Vorreiter.

Die Technik ist immer weiter vorangeschritten. An die Stelle von alten Herausforderungen sind neue getreten. Geblieben ist die tägliche Erscheinungsweise. Und dass sich „Waldeckische Landeszeitung“ immer noch aus 25 Buchstaben zusammensetzt - wenn man davon auch keine dreckigen Finger mehr bekommt.

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