Wie ein Löwe, ein Bär und ein Schwan einen Korbacher Brauch begründeten

Hirsch mit vielen Gesichtern

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Korbach - Das Verzieren des Symboltiers der Hirschapotheke durch Abiturienten der Alten Landesschule ist ein Brauch, den die Korbacher seit Jahrzehnten kennen. Seine Ursprünge im Marburger Studentenwesen hat er lange überdauert.

Die Deko am Hirsch sitzt nicht mehr so ganz, aber Korbacher, die die Apotheke in der Prof.-Kümmell-Straße passieren, wissen: Das Abitur liegt erst einige Wochen zurück. Wie lange der Brauch schon besteht, nach bestandener Reifeprüfung den Hirsch zu schmücken, ist indes unklar. 1921 war er noch nicht üblich, vermutet Apotheker Franz Kirchner: Prof. Hermann Kümmell berichtet in seinen Erinnerungen an die Abiturzeit nicht von der Tradition, obwohl er in dem 1744 erbautem Gebäude aufwuchs.

In den 50er Jahren war der Besuch beim Hirsch schon Tradition - was den Stadtarchivar Wilhelm Hellwig veranlasste, nach seinen Ursprüngen zu suchen. Er fand sie in Marburg: Eine Studentenverbindung namens „Teutonenfüchse“ machte sich zum Missfallen des Besitzers der dortigen Schwan-Apotheke einen Spaß daraus, zu ihrem Stiftungsfest deren Wappentier blau anzumalen - nach der Farbe ihrer Mützen. Hellwig vermutete, dass Korbacher Studenten sich das abschauten und die Idee in die Heimat brachten. Tatsächlich wurde der Hirsch laut seinem im Klosterglöckchen erschienenen Artikel „Der blaue Hirsch“ damals in derselben Farbe bemalt wie zuvor der Schwan.

Wo wiederum der Brauch mit dem Federvieh herkam, verrät Manfred Thedinga, heutiger Inhaber der Schwan-Apotheke in Marburg. Die Studenten feierten ihr Fest um 1900 bei einem Brunnen, der mit einem Löwen verziert war - den die Studenten allerdings für einen Bären hielten. Sie beschlossen, ihr Fest auf ganz besondere Weise zu feiern, berichtet Thedinga: „Sie haben tatsächlich einen lebenden Braunbären erstanden.“ Lange behalten durften sie ihn nicht, er kam in den Frankfurter Zoo. Die Studenten seien kurzentschlossen darauf ausgewichen, den Schwan der nahegelegenen Apotheke zu bemalen. Nach mehreren Umzügen des Geschäfts schlief der Brauch in den 60er Jahren ein.

In Korbach blieb die Tradition bestehen und entwickelte sich weiter: Der Anstrich wurde im Lauf der Zeit bunter, später kamen Verkleidungen hinzu. „Als der Hirsch im Jahr 2000 renoviert wurde, waren da unzählige Farbschichten drauf“, erinnert sich Kirchner.

Während die Abiturienten den Hirsch früher heimlich schmückten, melden sich die „Hirschkommitees“ mittlerweile beim Apotheker, der den Brauch unterstützt. Lediglich den Anstrich bittet er zu lassen: Moderne Farben schlössen Feuchtigkeit im Hirsch ein und würden ihm schaden. Und das Gerücht, dass für den Abibrauch ein Double verwendet werde, sei zwar hartnäckig, aber falsch.

Von Wilhelm Figge

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