Spontan entwickelte authentische Partitur unterstreicht die universelle Sprache des Stummfilms

Höllensturz auf der Kiliansorgel

+
Monitor neben dem Manual: Thorsten Maus unterlegte von der Orgel aus den Stummfilm mit einem Klangteppich.

Korbach - Die Kirche als Kino: Den Stummfilm „Der Fuhrmann des Todes“ erlebten die Besucher der Orgelwoche in der Kilianskirche - auf Großleinwand und musikalisch begleitet von Thorsten Maus auf der Kuhn-Orgel.

Vor der Erfindung der Tonspur mussten Filme nicht synchronisiert werden, die Darsteller sprachen eine weltweit verständliche Gesten- und Körpersprache. Die feinere Ausdeutung oder Angleichung an die örtlichen Gegebenheiten übernahm der Klavierspieler oder Organist.

Die Qualität der Film-Aufführung hing also auch von der Qualität des Instruments und den Fähigkeiten beziehungsweise der Inspiration des Mannes an den Tasten ab. Über die Qualität der jeweiligen Begleitung zur Entstehungszeit kann man nur mehr oder minder vorteilhafte Vermutungen anstellen, ein vergleichbares Instrument wie die Kuhn-Orgel dürfte, schon aus Kostengründen, nicht zu Verfügung gestanden haben. Ein spezieller Orgelmonitor schon gar nicht, manche Filmbegleiter der zwanziger Jahre spielten sogar ohne jeglichen Sichtkontakt zum Geschehen auf der Leinwand.

Insofern hatte Thorsten Maus schon einige technische Vorzüge auf seiner Seite, während er den bildgewaltigen Film von und mit Victor Sjöström in der Hauptrolle auf drei Manualen und dem Pedal begleitete oder auch ausdeutete.

Weitgehend spontan, denn während der Vorführung von der „Fuhrmann des Todes“ spielte der Organist aus Recklinghausen frei und ließ sich von der Umgebung und den vielfältigen klanglichen Möglichkeiten des Instruments zu einer gänzlich anderen Gestaltung inspiereren als daheim geplant und geprobt - ohne dabei das um 1920 bekannte harmonische und melodische Terrain zu verlassen. Vielmehr illustrierte und kommentiere der Organist das Geschehen mit einer musikalischen Mischung aus Romantik, Impressionismus, Chorälen oder Kinderliedern.

Ein sanftes „Schlaf Kindlein schlaf“ begleitet jene Szene, in der die Heilsarmee-Schwester Edith den ersten Gast in der neuen Sozialstation zudeckt und David Holms letztlich tödliche Jacke zur vergeblichen Liebesmüh aufhebt - der scheinbare Anfang einer einseitigen und rechthaberischen Liebesgeschichte, die vom Idyll über dramatische und von Dissonazen geprägte Sequenzen geht.

Die Gipfel dissonanter Schrecken bleiben aber dem gefürchteten Fuhrmann des Todes vorbehalten, bei dessen erster Erwähnung in den Unterhaltungen des Säufertrios auf dem Friedhof schon ein wahrer Höllensturz über das untere Manual fegt. Und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf kommende Ereignisse auf der Leinwand wie auf der Orgel, denn auf dem Gipfel des Schreckens für den hartherzigen Sünder David Holm bearbeitet Thorsten Maus das untere Manual mit allen zehn Fingern und lässt die fiesen verminderten Terzen und Sekunden gleich scharenweise purzeln.

Starke Leistung

Nach dem Bruch des Panzers der Bosheit und dem Gebet, das den zukünftigen Fuhrmann des Todes aus dem Geisterreich befreit und ins Leben zurückwirft, verlangsamt Maus dagegen mehr und mehr das musikalische Erzähltempo, die letzten Tonfolgen erklingen wie in Zeitlupe und ganz in hellen Flöten- und Oboentönen. Das Pedal kommt gar nicht mehr zum Einsatz, gewissermaßen als Signal dafür, dass die unteren Regionen ihre Macht verloren haben.

Für Filmfans und Musikliebhaber übertraf der Organist mit der musikalischen Deutung des Fuhrmanns des Todes noch seine starke Leistung aus dem Vorjahr. Allerdings hatte Fritz Langs „Der müde Tod“ mehr Zuschauer in die Kilianskirche gelockt.

Auf eine Nacherzählung der Geschehnisse und Erwähnung der Qualitäten des Films wurde bewusst verzichtet. Eine komplette und überaus vollständige Nacherzählung der Novelle wie der Filmhandlung findet sich in der deutschen Wikipedia.

Kommentare