Bio-Milchbauer Otto Schöneweis zu Fuß auf dem Weg zur Demo in Berlin

Mit Holzschuhen und Kälber-Iglu

Usseln/Braunau - Milchbauer Otto Schöneweis hat sich viel vorgenommen: auf Schusters Rappen zur Demo nach Berlin. 460 Kilometer will er innerhalb von zehn Tagen mit seinen Holzschuhen zurücklegen. Seinen Wohnwagen der etwas anderen Art zieht er hinter sich her.

Der Mann erregt einiges Aufsehen, und genau das ist sein Ziel. Mit seinem außergewöhnlichen Fußmarsch, der gestern an der Upländer Bauernmolkerei begann und der am 17. Januar vor dem Kanzleramt enden soll, will er die Öffentlichkeit auf die Forderungen der bäuerlichen Landwirtschaft aufmerksam machen. Er legt sich mächtig ins Zeug für „Fairhandel statt Freihandel“, für eine artgerechte Tierhaltung, gegen Tierfabriken, Gentechnik auf dem Acker und im Stall, Lebensmittelskandale und Patente auf Pflanzen und Tiere. Otto Schöneweis ist 59 Jahre alt (oder besser: jung geblieben)und knapp 1,80 Meter groß. Er passt also gerade hinein in den 1,90 Meter langen Kälber-Iglu, der ihm unterwegs als Nachtquartier dient. Er hat eine Iso-Matte dabei, mehrere Paar Holzschuhe zum Wechseln – eins davon sogar mit Spikes –, einen Koffer mit allem, was man unbedingt so braucht, Ersatzreifen für den „Wohnwagen“, reichlich Buttermilch und ein Stück selbst gebackenes Brot. Außerdem nimmt er jede Menge Optimismus mit auf seine lange Wanderung – die Zuversicht, dass er den weiten Weg gut hinter sich bringt, dass das Wetter einigermaßen mitspielt und dass er unterwegs vielleicht auch mal bei einem Kollegen unterkommt, um Wäsche zu waschen und zu duschen. Otto Schöneweis ist im Bad Wildunger Stadtteil Braunau zu Hause. Er hat den Bauernhof 1982 von seinen Eltern übernommen und im vergangenen Jahr auf biologische Landwirtschaft umgestellt. „Ich bin überzeugt davon, dass das der bessere, längere und nachhaltigere Weg ist.“ Die Milch seiner knapp 60 Kühe liefert er nach Usseln. Die Upländer Bauernmolkerei bietet allen Interessenten Gelegenheit, den langen Fußmarsch des Milchbauern auf ihrer Facebook-Seite zu verfolgen. In dem Uplanddorf wurde er gestern auch mit vielen guten Wünschen verabschiedet – nicht nur von Ehefrau Brigitte, mit der er seit 35 Jahren verheiratet ist, sondern beispielsweise auch von seinen Berufskollegen Reinhard Nagel aus Nieder-Waroldern und Heiner Küthe aus Hemmighausen. Die beiden Landwirte starten in Kürze mit dem Trecker in Richtung Berlin, um dort ebenfalls an der Demo teilzunehmen. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Wir haben es satt“ und findet parallel zur „Grünen Woche“ und zu einem Treffen, an dem 70 Agrarminister aus der ganzen Welt teilnehmen, statt. „Ich bin der Not-Nagel“, lacht der Twistetaler Bauer. Im Klartext: Falls Otto Schöneweis es aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen sollte, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen, kann er unterwegs auf Reinhard Nagels Trecker umsteigen, um pünktlich zur Demo in der Hauptstadt zu sein; Nagel sorgt auch für den Rücktransport ins Waldecker Land. Zu der Kundgebung werden übrigens rund 25 000 Landwirte, Tierschützer, Vertreter von Umweltverbänden und Bürger erwartet. Infos dazu gibt es im Internet (www.wir-haben-es-satt.de). Otto Schöneweis hat sich auf die Tour gut vorbereitet. Er hat in der Vergangenheit schon ausgedehnte Fußmärsche zurückgelegt. So ist er 2011 in drei Wochen 550 Kilometer gelaufen, dabei allerdings zwischendurch an den Wochenenden immer nach Hause gekommen. Damals war er mit der Kunstkuh „Faironika“ unterwegs. Im vergangenen Jahr hat er angefangen, für den Marathon zu trainieren und war auch beim Pfingstlauf in Usseln dabei. „Da habe ich 74 Kilogramm gewogen“, gestern morgen brachte er 84 Kilogramm auf die Waage. „Ich brauche also unterwegs nicht so viel zu essen“, lacht er. Die erste Etappe führte ihn von Usseln über Korbach nach Bad Arolsen. Heute geht’s nach Westfalen: In Borgentreich-Körbecke erwartet ihn sein Kollege Josef Jacobi, der Aufsichtsratsvorsitzende der Upländer Bauernmolkerei. Durch Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zieht Otto Schöneweis dann weiter. An manchen Tagen wird er 15 bis 20 Stunden unterwegs sein, um sein Pensum zu schaffen. Gelegentlich will er in einer Bäckerei einkehren und eine Tasse Kaffee trinken. Er freut sich darauf, mit netten Leuten ins Gespräch zu kommen – über seine Aktion und den Weg der Landwirtschaft in Deutschland und in der Welt, zu deren Wende er gern ein kleines Stück beitragen möchte.Den einen oder anderen Gedanken, der ihn unterwegs bewegt, wird Otto Schöneweis sicherlich in Reime fassen und vielleicht sogar mit einem Augenzwinkern bei der Kundgebung in Berlin vortragen. Der Mann, der sich in zehn Sprachen verständigen kann, dichtet gelegentlich auch beim Melken. Das Ergebnis kann sich hören lassen, witzige Verse, ganz aktuell zum Beispiel über seine Holzschuhe: „Die Warmerhaltung ist extrem und für mich ist’s auch bequem. Denn ich trage vier Paar Socken und halt’ die Füße immer trocken ...“ Von Ulrike Schiefner

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