Obernburg: Horchrohr des letzten offiziellen Wassermeisters gefunden

Horchen, wenn das Wasser rauscht

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Marianne Beckmann hat in ihrem Keller ein Horchrohr gefunden: Karl-Heinz Scherf, Jörg Wiesemann und Thomas Kalhöfer von der Feuerwehr in Obernburg nahmen es unter die Lupe.

Vöhl-Obernburg - Marianne Beckmann hat im Keller das Horchrohr ihres Schwiegervaters gefunden, des letzten Obernburger Wassermeisters. Und mit ihm manch eine Geschichte aus der Vergangenheit.

Wenn sich in Obernburg damals in den 50er-Jahren plötzlich das Wasser färbte und aus dem Wasserhahn schmutzige Brühe lief, dann war Wilhelm Beckmann gefragt. Dann holt der letzte offizielle Wassermeister aus Obernburg das Horchrohr aus dem Keller und zog durch den Ort. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass wir als Kinder dann immer hinterhergelaufen sind“, sagt Karl-Heinz Scherf.

Lange und aufwendige Suche nach dem Bruchim System

Der Experte machte sich gemeinsam mit dem Obernburger Nachwuchs auf die Suche nach der Ursache für das schmutzige Wasser, das aus den Hähnen kam. „Dabei musste er sich auf sein Gehör verlassen“, erzählt Marianne Beckmann, Schwiegertochter des einstigen Wassermeisters. „Es wurden Probelöcher gebohrt“, erinnert sie sich. Jeder Haushalt habe ein Familienmitglied stellen müssen, um bei der Arbeit zu helfen. Dann horchte der Wassermeister, erst an den Hydranten, dann an den tief in der Erde vergrabenen Rohren. „Und wo es rauschte, lag das Problem“, sagt Marianne Beckmann.

Zuweilen dauerte die Suche lang und bis die Obernburger wieder mit sauberem Wasser versorgt waren, konnten Tage vergehen. Und doch: Am Ende fand der Wassermeister mit dem Horchrohr immer jene Leitung, die defekt war.

Ende der 60er-Jahre übernahm dann ein Wassermeister des neu gegründeten Wasserverbandes die Aufgaben von Wilhelm Beckmann. Und das Horchrohr wanderte in den Keller und ward nicht mehr gesehen. Als die Obernburger aber im Juni an die erste selbstständige Wasserversorgung in ihrem Ort vor 100 Jahren erinnerten, da dämmerte Marianne Becmann, dass irgendwo noch jenes Hilfsmittel des Schwiegervaters stehen müsste. Sie machte sich auf die Suche - fand es aber nicht ganz pünktlich. Und so fiel den Obernburger Urgesteinen beim großen Jubiläumsfest, als Jörg Wiesemann die historische Mütze des Wassermeisters aufsetzte, den blauen Kittel anzog und die Schelle zur Hand nahm, auf: „Das Horchrohr fehlt.“ Einige Wochen nach dem Fest fiel Marianne Beckmann jenes Rohr, das wohl noch aus den Anfängen der eigenen Wasserversorgung in Obernburg stammt, in die Hände.

„Wir haben uns über den Fund sehr gefreut“, erzählt Jörg Wiesemann. Gemeinsam mit Thomas Kalhöfer von der Feuerwehr und den beiden Zeitzeugen machte er sich vergangene Woche samt Horchrohr auf den Weg durch den Ort, setzte das alte Instrument auf die Wasseranschlüsse und horchte. „Alles ruhig“, stellte er schmunzelnd fest, „scheint kein Problem im System zu sein.“

Erinnerungsstückfür die nächste Generation Obernburger

Allerhand Geräusche leitet das Bambusrohr aber auch ohne Rauschen in den Wasserrohren und es scheint Geschichten zu erzählen - von Wassermeistern etwa, die streng auf den Wasserverbrauch der Anwohner achteten und zuweilen auch zur Sparsamkeit mahnten und von ihrer großen Verantwortung, das Wasser im Ort am Laufen zu halten.

In Obernburg gehört das rund 100 Jahre alte Horchrohr fortan zu jenen Erinnerungsstücken, die für kommende Generationen gehütet werden. (Theresa Demski)

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